Kultur
04.05.2017

Ein Bauchredner als Fotograf

Das Kunstforum Wien zeigt das übermäßig facettenreiche Werk des US-Amerikaners James Welling.

Viele von uns sind Typen wie James Welling schon einmal begegnet: Es waren jene Personen, die in der Schule schon immer besser malen, tanzen oder ein Instrument spielen konnten als alle anderen, sich aber nicht viel daraus zu machen schienen. Leute, die ein Doppel- oder Dreifachstudium belegten und zwei Dissertationen parallel schrieben, weil ihnen sonst langweilig zu werden drohte.

James Welling, 1951 in Connecticut/USA geboren, ist zweifellos so ein Supertalent: Zumindest legt das sein bildnerisches Werk nahe, das nun erstmals in einer Schau im Bank Austria Kunstforum Wien für das heimische Publikum ausgebreitet wird. Wiewohl Welling Malerei, Konzeptkunst und Tanz studierte (und nebenbei Skulpturen anfertigte), gilt er primär als Fotograf – das Medium erlaube es ihm, seine „disparaten Interessen“ zu vereinen, erklärte er bei der Pressekonferenz zur Schau.

Ideenvielfalt

Man darf sich Wellings Werke vor diesem Hintergrund nicht als bloße Fotografien vorstellen – eher sind es Aufschichtungen von Ideen und Experimenten, die sich eben durch (vorrangig) fotografische Verfahren in einem Bild niederschlagen. Was Welling für zahlreiche Künstler zur Quelle der Inspiration – oder auch Frustration – werden lässt, ist in der Zusammenschau allerdings schwer zu verdauen: Das Disparate triumphiert hier über das Verbindende, und die Meisterschaft über verschiedene Ausprägungen des fotografischen Mediums nimmt mitunter prätentiöse Züge an.

Was treibt diesen Mann?

Der zwiespältige Eindruck hat auch mit der Dramaturgie der Schau zu tun, die erst spät die persönliche Seite Wellings offenbart. In den großen Sälen am Entrée werden die Besucher zuerst mit großformatigen Virtuosenstücken befrachtet, auf denen Welling seine technisch-theoretischen Reflexionen ausbreitet: Die Serien „Hexachromes“ und „Glass House“ strotzen vor seltsamen Brechungen, Reflexen und Filtereffekten und weichen gerade noch davor zurück, den Satz „Dies-ist-Fotografie-über-Fotografie!“ in Großbuchstaben zu formulieren. Nebenan hängen Wellings neueste Bilder, in denen Tänzerinnen aus einer Flut aus Mehrfachbelichtungen und Nachbearbeitungen auftauchen: Durchdacht, ja, aber auch sehr dick aufgetragen.

Retro trifft Fortschritt

Andere Werke stehen im radikalen Kontrast zu diesen Farbfeuerwerken: etwa die „Railroad Photographs“, in denen Welling Züge wie ein Fotograf der 1930er Jahre ablichtete, oder die schöne Serie „Light Sources“, die an die Neue Sachlichkeit eines Albert Renger-Patzsch denken lässt.

Welling vergleicht sich selbst gern mit einem Bauchredner. Dass sein fotoästhetischer Mummenschanz auch einer persönlichen Antriebskraft geschuldet ist, erfährt man erst nach und nach: Im hinteren Teil der Schau setzt sich eine Serie mit dem Tagebuch von Wellings Urgroßmutter auseinander; ein vom Künstler bearbeiteter Film stammt aus dem Fundus seines Großvaters, der als „Sonntagsmaler“ impressionistische Meeresansichten schuf. Das Eintauchen in verschiedene Ästhetiken und Techniken wird schließlich als Weg des Künstlers sichtbar, durch die Zeit zu reisen: Fast hätte man es im hyper-akademischen Beziehungsgeflecht übersehen.

Info: Ausstellung von 5.5. bis 16.7.

James Welling (*1951) wurde in den 1980ern an der Seite von Künstlern wie Richard Prince und Cindy Sherman bekannt. Er lehrt an der Princeton-Universität, sein Werk ist in wichtigen Museumssammlungen vertreten.

Die Ausstellung im Bank Austria Kunstforum Wien zeigt Werke aus allen Schaffensphasen. Der Katalog (Prestel) kostet 32 Euro. Aktuelle Werke sind von 10.5. bis 17.6. auch in der Galerie nächst St. Stephan zu sehen.