Kultur
13.07.2018

Ein Augenschmaus der Geschichte

© Bild: Votava / Imagno / picturedesk.com

Die Schau „Photo/Politics/Austria“ im mumok zeigt schräge Perspektiven auf die ersten 100 Jahre der Republik.

Balkonszenen, sagt Monika Faber, seien etwas ganz Wichtiges. Unter den Fotos, die sich als Spuren von Österreichs Geschichte der vergangenen 100 Jahre im kollektiven Gedächtnis verfestigt haben, finden sich nämlich gleich mehrere davon.

Faber, die im Wiener mumok gemeinsam mit Sammlungsleiterin Susanne Neuburger die Schau „Photo/Politics/Austria“ gestaltete, verzichtete auf jene Balkonszenen, die durch bloße Nennung wachzurufen sind: Adolf Hitler, der vom zentralen Söller der Neuen Burg im März 1938 den „Anschluss“ Österreichs verkündete, ist in der Schau nicht zu sehen, dafür ein Haufen von Menschen, die sich mit Hakenkreuzwimpeln auf dem Dach eines öffentlichen Klohäuschens drängeln. Ebenso wenig ist das Bild von Leopold Figl bei der Präsentation des Staatsvertrags vom Belvedere-Balkon im Mai 1955 Teil der Schau. Stattdessen sieht man die Journalisten, die im Palais darauf warten, dass die Politiker vom Balkon kommen.

Die Ausrichtung der Präsentation, die zweifellos als eine der geistreichsten und sehenswertesten Aktionen zum Republiksjubiläum bezeichnet werden darf, ist damit hinreichend angedeutet: Hier wird mit einem ordentlichen Maß an Süffisanz von Österreichs Geschichte erzählt, das Selbstbild der Republik wird schräg angeschaut, auf dass die Konstruktionsmechanismen, Krücken und Kulissen sichtbar werden.

© Bild: Anonym / Imagno / picturedesk.com

Der erste Medienkanzler

Einen prominenten Platz nimmt dabei Engelbert Dollfuß ein, den Faber als „den ersten Medien-Kanzler“ bezeichnet: Bei den Auftritten des Ständestaat-Führers waren Kameras und Mikrofone stets präsent, jede Rede wurde von der RAVAG – der Vorgängerorganisation des ORF – übertragen. Das Bild des ermordeten Kanzlers, das nach dem Attentat am 25. Juli 1934 kursierte, passte perfekt in das Schema der Märtyrerbilder, wie man es von Andrea Mantegnas Christusgemälden bis zu Fotos von Che Guevara kennt.

Die Ausstellung reflektiert solche Bildstrategien, ohne ihre Besucher mit Material zu überfrachten. Der Künstler Markus Schinwald hat dafür eine kluge Ausstellungsarchitektur geschaffen, die wie ein begehbares Leporello funktioniert: Jedem Jahr ist eine schmale Stellwand und ein Bild zugeordnet, Zusatzmaterialien liegen in einer kleinen Vitrine darunter.Oft erschließt sich so, welche Stoßrichtung die Fotos erst in ihrer Verwendung bekamen: Harry Webers Aufnahmen von Nikita Chruschtschows Österreich-Besuch 1960 zeigten laut stern-Bildtext etwa ein „Onkelchen aus Moskau“, das gern mit Nationalratspräsident Figl trank. „Mit einem Prost auf die Gemütlichkeit verstand es Chruschtschow jetzt, Koexistenz anziehend und verführerisch zu praktizieren“, hieß es da.

© Bild: Votava / Imagno / picturedesk.com

Die Kuratorinnen schöpften für die Schau aus den Foto-Beständen des mumok und aus einer Vielzahl anderer Archive. Die Unterscheidung zwischen Kunst, Journalismus, Propaganda- und Werbefotografie wird damit zwar nicht völlig obsolet, doch die Vermischung der Formate fördert die Dynamik der Schau. So scheint etwa das ruhige Bild aus dem Projekt „Staatsgrenze“, für das der in Graz lebende Seiichi Furuya zwischen 1981 und 1983 Orte entlang des Eisernen Vorhangs abbildete, ein Pressefoto von der Räumung der Hainburger Au im Jahr 1984 noch in seiner Drastik zu verstärken.

Auch Ingeborg Strobls Momentaufnahmen zur „Volksbefragung zum österreichischen EU-Beitritt“ aus aus dem Jahr 1994 entsprechen nicht den Vorgaben schneller Medien – sie hallen aber als Stimmungsbilder bis heute nach.

Bildermaschinen

© Bild: Ingeborg Strobl/Bildrecht, Wien

Da die Schau auch Mediengeschichte abzubilden trachtet, lösen sich die streng gefassten Grenzen der Fotografie in den letzten zwei Jahrzehnt-Abschnitten zunehmend auf: Künstlerinnen und Künstler agierten ab den 1990ern verstärkt mit Plakaten oder Projektionen in öffentlichen Raum, die Beschleunigung der Bildermaschinen trug dazu bei, dass statt einer einzigen fotografischen „Ikone“ zunehmend ein mediales „Image“ zeitgleich auf mehreren Kanälen Verbreitung fand.

So stehen Abbildungen der Song-Contest-Siegerin Conchita auf diversen Magazincovers in der Schau für das Jahr 2014: Wohl auch, weil sich das Österreich-Bild in der Welt durch dieses Ereignis vom jahrzehntelang sorgsam gepflegten Sisi- und „Sound of Music“-Image emanzipierte.

Doch Fremdbild und Selbstbild ist bekanntlich nicht dasselbe. Für das Jahr 2018 hängt schließlich ein Smartphone an der Wand, darauf zu sehen ist ein Instagram-Post mit einer Montage aus Canaletto-Blick und Alpenpanorama: Die Beharrlichkeit, mit der Österreich an seinen Images festhält, übersteht auch die größte Medienrevolution.

Bis 3. Februar 2019. www.mumok.at