"Wer hat meinen Vater umgebacht" im Volkstheater

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Kritik
11/16/2019

Édouard-Louis-Festspiele: Zwei Premieren in Wien

"Wer hat meinen Vater umgebracht" im Volkstheater und "Im Herzen der Gewalt" im Schauspielhaus.

von Thomas Trenkler , Peter Jarolin

Kaum ein Autor wird im Moment so gehypt und so gern für die Bühne adaptiert, wie der erst 27-jährige Franzose Édouard Louis. Mit seinem autobiografischen Roman „Das Ende von Eddy“  traf Louis nämlich den Nerv der Zeit. Louis, ein Arbeiterkind aus ärmsten Verhältnissen und aus der tiefsten Provinz, rechnet darin mit seinem Vater ab und thematisiert zusätzlich sein Outing als Homosexueller.

Die Kritiken zu den Dramatisierungen von "Wer hat meinen Vater umgebracht" im Volkstheater und "Im Herzen der Gewalt" im Schauspielhaus.

Dramatisierte Édouard-Louis-Romane, Teil 1: "Wer hat meinen Vater umgebracht"

Mit dem Roman „Wer hat meinen Vater umgebracht“ wechselt der inzwischen von Eddy Bellegueule (so sein eigentlicher Name) zu Édouard Louis mutierte Romancier die (Erzähl-)Perspektive. Zwar geht es auch hier wieder um die Kindheit des Künstlers, doch aus der Anklage gegen den  homophoben Vater ist eine Anklage gegen den Staat, gegen die Politik und somit ein wütendes, grell-linkes Manifest im Sinne der Gelbwesten-Bewegung geworden.

All das muss man wissen, um die Dramatisierung von „Wer hat meinen Vater umgebracht“ im Volkstheater (Bühnenbearbeitung: Christina Rast und Heike Müller-Merten) zu verstehen. Denn Regisseurin Rast kombiniert in ihrer Fassung Motive aus beiden Romanen, spielt mit den Ebenen. Der Vater selbst darf sich – wie in den Originalen – nicht äußern. Er ist als überdimensionierte Puppe in Arbeiterkluft präsent.

Die Figur des Eddy hingegen ist auf fünf Protagonisten (Peter Fasching, Sebastian Klein, Julia Kreusch, Sebastian Pass, Birgit Stöger) aufgeteilt. Ein dramaturgischer Kunstgriff, der  gut greift. Denn jeder dieser Akteure repräsentiert eine andere Facette der Hauptfigur.

Und so kommen auf der von einem Esstisch, einem Holzgerüst und besagter Puppe dominierten Bühne (Franziska Rast) der intellektuelle Eddy, der in seinem Dorf fremde Eddy, der erfolgreiche Heimkehrer Eddy, der Proletarier Eddy und der Politaktivist Eddy zu Wort.  Es geht um das Prekariat, um familiäre Bande, um Kleingeistigkeit, Scham und  Schuld und um  (theoretische) Modelle einer gerechteren Zukunft.

Das funktioniert in seinen diversen textlichen  Verschränkungen und bewussten Zeitsprüngen erstaunlich gut. So ganz vom politischen Agitprop-Theater kann sich der  100-minütige Abend jedoch nicht befreien. Denn die „Mörder“ des Vaters – sie sind auch als Porträts präsent – sind „naturgemäß“ Jacques Chirac, Nicolas Sarkozy, François Hollande sowie Emmanuel Macron. Eine doch  gewagte These, die leider nicht hinterfragt wird.

Denn ob die auch zu Gewalt und Extremismus neigenden Gelbwesten wirklich die  Erlösung sind, sei sehr dahingestellt. (Peter Jarolin)

KURIER-Wertung: ****

Dramatisierte Édouard-Louis-Romane, Teil 2: "Im Herzen der Gewalt"

Bekannt geworden war Édouard Louis, 1992 in der Picardie geboren, vor fünf Jahren mit seinem autobiografischen Debütroman „Das Ende von Eddy“, in dem sein Alter Ego, ein homosexueller Außenseiter, nach Paris flieht. „Im Herzen der Gewalt“, 2017 veröffentlicht, schließt nahtlos an: Édouard nimmt am Weihnachtsabend einen feschen Kabylen mit in die Wohnung.

Ein Fehler, wie sich herausstellt. Denn Reda klaut ihm das Handy. Beziehungsweise: Das Handy scheint geklaut worden zu sein. Auf die Unterstellungen reagiert Reda wütend: Er bedroht Édouard mit dem Leben und vergewaltigt ihn.

Tomas Schweigen, der Direktor des Wiener Schauspielhauses, hält sich in seiner Dramatisierung an das raffinierte Konzept des Autors. Den Hergang erfährt man zunächst von Clara, der Schwester des Opfers: Sie erzählt ihrem Mann die Geschichte ziemlich exakt, aber auch kommentierend. Die vierte Wand der zimmergroßen Guckkastenbühne ist bloß einen Spalt breit offen. Der Zuschauer befindet sich in der gleichen Situation wie Édouard, der das Gespräch belauscht, mitunter nickt und manches richtig stellt.

Erst dann übernimmt Steffen Link, mitunter sehr naiv dreinblickend, die Rolle des Ich-Erzählers. Aber nur kurz: Das Pater-Noster-Bühnenbild von Stefan Weber (Raimund Orfeo Voigt begeisterte mit diesem Konzept im Theater in der Josefstadt und bei den Salzburger Festspielen) schiebt sich um einen Raum weiter – und Link schwingt sich ins Bett zu Josef Mohamed als Reda.

Noch weitere Räume folgen. Und Schweigen gelingen großartige, an Quentin Tarantino erinnernde Kniffe. Denn die Schwester (Clara Liepsch) dringt z. B. in eine Szene ein, bei der sie nicht dabei war, um Reda zur Rede zu stellen. Leider passieren beim zeitlichen Hin und Her kleine logische Fehler. Und die Synchronisation von Wenzel Lüdecke mit „Brötchen“ und „Klempner“ nervt ein wenig. Insgesamt aber ein spannender Abend über Gewalt, Rassismus und Vorurteil. (Thomas Trenkler)

KURIER-Wertung: ****

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