Kultur
08.08.2018

Ed Sheeran in Wien: Einzelkämpfer in Hochform

Der 27-jährige Pop-Superstar konnte auch ohne Band mühelos 55.000 Besucher in Euphorie versetzen.

„Dass jemand nicht singen kann, das gibt es gar nicht. Man kann falsch singen. Aber es ist mir egal, ob ihr falsch oder richtig singt. Hauptsache ist, dass ihr von jetzt an jeden Ton mitsingt - bis ihr eure Stimme verliert!“

Drei Songs hat Ed Sheeran im Wiener Ernst-Happel-Stadion gesungen. Jetzt macht er 55.000 Besuchern klar, was er sich vom Rest des Abends erwartet. Doch eine derartige Aufforderung hätte dieses Publikum vielleicht gar nicht gebraucht. Schon als die LED-Schirme an den Seiten der Bühne zeigten, wie der Rotschopf backstage in Richtung Bühne lief, erinnerte das Level an Gekreische an die Hysterie um die Beatles.

Keine Frage, Sheeran ist der zurzeit größte männliche Popstar. Obwohl er vom Habitus her gar keiner ist. Glamour, große Gesten und Theatralik sind nicht sein Ding. In Kniehosen aus dem Supermarkt und weißem T-Shirt kommt er auf die Bühne. Gut, die ist schon spektakulär, besteht aus einer LED-Wand, die nach oben hin breiter wird und in eine Art Dach übergeht. Sie ist auch so grell bunt und plakativ bespielt, wie es bei Pop-Shows Usus ist. Aber trotzdem überstahlt sie nie das, was Sheeran mit seinen Songs macht.

 

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Denn der 27-Jährige steht als Alleinunterhalter auf der Riesen-Bühne, spielt eine kleine akustische Gitarre und (nur bei „Thinking Out Loud“ kommt einmal eine E-Gitarre zum Einsatz) klingt mit ihr und drei Mikrofonen trotzdem häufig wie eine vor Spielfreude brennende Band. 

 

Das gelingt ihm dank der Loop-Machine, die Gitarrenphrasen oder Rhythmen, die er spielt, aufnimmt und wiedergibt, bis er sie abschaltet. Er klopft auf den Körper der Gitarre, schrammt über die abgedämpften Saiten und kann das so entstandene Rhythmus-Muster dann mit Gitarrenakkorden und seiner Stimme überlagern. Sogar ganze Chöre baut er so nach und nach auf, hat das Spiel mit sich selbst auf höchstem Niveau perfektioniert. 

Dadurch kann Sheeran die Show auch als Solist so abwechslungsreich und so packend gestalten, dass die Euphorie bis in die letzten Reihen am hintersten oberen Rang des Stadions dringt.  

Er wechselt zwischen sanften Balladen wie „Tenerife Sea“ und „Perfect“, Raps und  Mitdtempo-Hits wie „Castle On The Hill“ und „Photograph“. Dazwischen erzählt er mit seiner berühmt unmanierierten Art von seiner Liebe für das Wiener Schnitzel, seinem ersten Auftritt in Wien, als er mit einem Trip seiner Musikschule hier als 15-Jähriger vor 20 Leuten spielte und bedankt sich bei den Superdads und Boyfriends, die gar nicht hier sein wollen und aus Liebe zu ihren Kindern und Freundinnen mitgekommen sind.

 

Und obwohl die Stimmung schon seit dem dritten Song enthusiastisch ist, legt Sheeran dann noch nach und rockt bei „Sing“ derart entfesselt los, wie man es in diesem Stadion nur selten gesehen hat.

Für den Überhit „Shape Of You“ in der Zugabe zieht er sich ein T-Shirt der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft an. Beim Ende mit „You Need Me, I Don’t Need You“ hat er auch das so durchgeschwitzt wie seine 55.000 Fans jetzt sind. Auch wenn die wirklich alles mitgesungen haben – ihre Stimmen sind noch nicht ganz weg. Das Weitergrölen der Sheeran-Hits von der Hauptallee bis zum Praterstern geht sich gerade noch aus.