Kultur
20.02.2018

E-Gitarren im Würgegriff

Die berühmte Marke Gibson steht laut US-Medien vor dem Bankrott.

Nachrichten über den Tod der elektrischen Gitarre zirkulieren seit einiger Zeit – ob sie übertrieben sind, dürfte sich noch heuer erweisen. Denn der Gitarrenhersteller Gibson soll nach Berichten von US-Medien vor dem Bankrott stehen.

Der Grund dafür ist nur indirekt im fehlenden Glanz der Instrumente zu suchen, die enger als alle anderen mit der populären Musik des 20. Jahrhunderts in Verbindung stehen: Denn dass die Sechssaiter mit Namen wie " Les Paul", "SG", "Flying V" oder "Firebird" nicht mehr die großen Umsätze bringen, wusste man seit längerem. Gibson hat sich primär beim Versuch, dies abzufedern, verspekuliert.

Mehr als 500 Millionen US-Dollar betragen allein die Schulden, die im Juli und August dieses Jahres für die Firma mit Hauptquartier in der Musikhauptstadt Nashville/Tennessee fällig werden. Schon im August 2017 hatte die Ratingagentur Moody’s deshalb die Bonität des Unternehmens herabgestuft und dabei die schwache Betriebsleistung der Firma gerügt.

Insgesamt erwirtschaftet der Gibson-Konzern mehr als eine Milliarde US-Dollar Umsatz im Jahr. Zuletzt versuchte man sich abseits der Gitarren breiter aufzustellen und ging mit viel geborgtem Geld auf Shoppingtour. Besonders in der Konsumelektronik-Sparte von Philips, die Gibson 2014 erwarb, wolle man sich auf "Produkte mit größerem Wachstumspotenzial" fokussieren, ließ Konzern-Chef Henry Juszkiewicz in der Vorwoche per Aussendung wissen – gemeinsam mit der Botschaft, dass man an der Umschichtung und Abtragung des Schuldenbergs arbeite. Zusatz: "Wenngleich die Musikinstrumenten-Sparte profitabel ist (...) liegt sie doch unter dem Erfolgslevel, dass wir vor einigen Jahren noch sahen."

Investoren-Blues

Das letzte Wort scheint also noch nicht gesprochen, wenngleich die Zeit knapp zu werden droht. Für Gitarrenfans in aller Welt ist die Marke Gibson freilich mehr als ein Mischkonzern, der "irgendwie mit Musik" zu tun hat. Bereits vor der Rock-Ära war der Name eine Legende, denn Firmengründer Orville Gibson gilt als der erste, der das Prinzip der gewölbten Decke von Violinen auf Mandolinen und Gitarren übertrug. Die so genannten "Archtop"-Gitarren wurden 1935 erstmals mit Tonabnehmern ausgestattet und kamen mit der Bezeichnung "ES" (kurz für "Electric Spanish") auf den Markt. Diese Instrumente prägten den Sound von Jazzgitarristen wie Charlie Christian und Wes Montgomery, bevor auch Blues- und Rockmusiker – allen voran Chuck Berry – sie zur Hand nahmen. B.B. King gab seiner Version den Beinamen "Lucille".

Innovation, die einmal war

Die erste Gibson mit solidem Korpus wurde vom Jazzgitarristen Les Paul mitentwickelt und nach ihm benannt: Sie kam 1952, zwei Jahre nach der ersten "Telecaster" von Fender, auf den Markt. Die V-förmige "Flying V", bei Metal-Gitarristen, aber auch bei Lenny Kravitz beliebt, folgte 1958 , die "SG", popularisiert durch AC/DC-Gitarrist Angus Young und – in der Doppelhalsvariante – von Led Zeppelin-Held Jimmy Page, war 1961 am Markt.

Vintage-Versionen dieser Instrumente erzielen heute auf Auktionen hunderttausende Dollar. Doch im Konsumenten-Sektor weigerte sich Gibson (zu) lange, preiswertere Varianten anzubieten, und wurde von der Konkurrenz untergraben. Wie bei so manchen US-amerikanischen Automarken klafft nun eine tiefe Lücke zwischen dem Nostalgie- und Kultfaktor und der wirtschaftlichen Realität. Und wenn die Zahlen nicht stimmen, hat es auch Kulturgut schwer – ob es nun vier Räder oder sechs Saiten hat.