Dystopie im Goldregen

Wiener Festwochen: Saint Genet beeindruckt im MuseumsQuartier mit der düsteren Performance "Promised Ends".

Ein Versehrter als Opfer: Der aufgebahrte Baso Fibonacci wird zwar nicht geteert, aber gefedert – und mit Honig beträufelt Imposantes Mobile: Lichtskulptur von Ben Zamora aus gut 100 kreuz und quer hängenden Neonröhren

Tomas Zierhofer-Kin, der neue Intendant der Wiener Festwochen, ließ es sich am Dienstag nicht nehmen, die Einführung zum Gesamtkunstwerk "Promised Ends: The Slow Arrow of Sorrow and Madness" selbst zu bestreiten. Schließlich hatte er Saint Genet, das Künstlerkollektiv rund um Derrick Ryan Claude Mitchell, zuvor mehrfach zum Donaufestival eingeladen gehabt. Erst im vergangenen Jahr war in der Kunsthalle Krems die Performance "Frail Affinities" zu sehen – unter einer Lichtskulptur von Ben Zamora aus gut 100 kreuz und quer hängenden Neonröhren. Dieses Mobile dient auch für "Promised Ends" als Bühnenbild.

Aus Zierhofer-Kin sprach der "magische Momente" beschwörende Fan, der jede kritische Distanz verloren hat. Und in einem Stakkato zählte er diverse Bezüge auf – von Joseph Beuys über Jean-Luc Godard bis zu Akira Kurosawa. Im Programmbuch stößt man auf den von Antonin Artaud geprägten Begriff "Theater der Grausamkeit", im worthülsenreich aufgeplusterten Programmzettel wird der US-Regisseur Herbert Blau erwähnt, und allein schon der Name "Saint Genet" ist Programm.

Angeblich geht es in "Promised Ends" um eine Gruppe von Siedlern, die 1846 auf dem Weg in den Goldenen Westen enorme Gräuel erlebte. Sie wird "Donner Party" genannt – nach George Donner, dem Führer des Trecks, der sich bei Reparaturarbeiten an der Hand verletzte. Angeblich geht es auch um König Lear, der seine Lieblingstochter enterbt, weil sie bloß ehrlich war, und dann von den anderen beiden Töchtern in die Wüste geschickt wird.

"Wir sind verloren"

Tatsächlich bedient sich Mitchell schamlos, aber äußerst wirkmächtig am Wiener Aktionismus und an der Body-Art der ’60er-Jahre. Im Zentrum steht jedoch nicht ein Mann, der ein Opfer spielt, sondern ein Versehrter: Der querschnittgelähmte Maler mit dem bedeutungsschwangeren Pseudonym Baso Fibonacci, der bei einem Unfall mit dem Rollstuhl seinen rechten Arm verloren hat, wird von den grazilen Akteurinnen unter der Lichtorgel aufgebahrt und mit zäher, roter Flüssigkeit beschüttet.

Schampus strömt aus goldenen Flaschen, Konfettibomben sorgen für Goldregen, Goldklumpen tanzen, man träufelt goldenen Honig, schmeißt "Sahnetorten", entzündet Sprühkerzen. Mastermind Mitchell wickelt die Akteure in Plastikfolie ein, doch gleich danach bohrt man Löcher zum Atmen hinein. Dazu spielt ein Streichquartett, ergänzt um zwei Keyboarder, suggestive Minimal Music, die von Philip Glass stammen könnte. Und seitlich leuchten Signalwörter und -sätze auf. "We are lost" ist die eindringlichste Botschaft dieser brutal-packenden Gesellschaftskritik.

Weitere Vorstellungen am 19. und 20. Mai

(kurier) Erstellt am
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