"Leider bin ich ein Massenmörder"

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Martin Ambrosch, Drehbuchautor von „Die Hölle“ und weiterer Kino- und TV-Erfolge, über sein Metier

Mit der glitzernden Filmwelt von Hollywood hat es wenig zu tun: das Schreiben eines Drehbuchs. Vor allem junge Autoren arbeiten oft für wenig Geld, werden aus Projekten geworfen oder schreiben Skripts für Produktionen, aus denen nichts wird. 

Obwohl mit der Qualität des Drehbuchs das Gelingen eines Films steht und fällt, schaffen es nur wenige Autoren  in die Top-Liga. Einer davon st Martin Ambrosch. Seine Werke kennen (fast) alle:  Zehn Jahre lang war er „Headwriter“ der TV-Serie „SOKO Kitzbühel“. Er schrieb Episoden für die  ARD-Serie „Das Glück dieser Erde“  sowie  die  von  Andreas Prochaska verfilmte  Thriller-Reihe „Spuren des Bösen“, für die er  eine KURIER-ROMY erhielt.  „Das Attentat – Sarajevo 1914“ und der Kinofilm „Das  finstere Tal“ gehen ebenfalls auf das Konto des Duos Ambrosch/Prochaska.

Romy 2014 Akademiepreis Foto: KURIER/Rainer Eckharter Ihr jüngster gemeinsamer Streich, der Historien-Dreiteiler „Maximilian: Das Spiel von Macht und Liebe“, wird Anfang März im ORF zu sehen sein.  Im Kino läuft derzeit der Film „Die Hölle“  von  Stefan Ruzowitzky, für den Ambrosch das Drehbuch schrieb.    

KURIER:  Von Billy Wilder stammt der Spruch, dass zu jedem guten Film drei Dinge gehören: ein gutes Buch, ein gutes Buch und ein gutes Buch! Trotzdem kennt man von erfolgreichen Filmen kaum je den Drehbuchautor. Kränkt Sie das?
Martin Ambrosch: Man gewöhnt sich daran. Thomas Vinterberg hat einmal seine Verwunderung geäußert, dass bei den Theateradaptionen seines Films „Das Fest“ jedes Wort respektiert wurde, während bei der Verfilmung   Schauspieler kamen, die sich  Dialoge „mundgerecht“ machen wollten. Das liegt meiner Meinung nach an den verkrusteten bürgerlichen Kulturvorstellungen, wonach Theater als „E“ – wie „ernst zu nehmend“ eingestuft wird, während Film als „U“ wie „Unterhaltung“ geringer geschätzt wird.

In Ihrem Schaffen sind  Action-Thriller wie „Die Hölle“ genauso zu finden   wie Historien-Filme wie „Maximilian I.“ Wie passt das zusammen?
Wahrscheinlich bin ich auch gespalten zwischen diesen „U“ und „E“-Kultur-Kategorien.  Ich liebe klassische Genre-Filme wie „Die Hölle“. Wenn ich aber die Chance bekomme, einen historischen Film zu machen, dann ergreife ich sie auch. Ich habe erst im Laufe der Arbeit bemerkt, was für ein riesiges Recherche-Gebirge ich dabei zu überwinden hatte. Aber es hat mir großen Spaß gemacht, eine Geschichte aus der Vergangenheit in meine Gegenwart zu holen.

Wie ging es Ihnen bei „Die Hölle“? Als Zuschauer kann man ja bei den grauslichen Szenen die Augen schließen. Aber wie geht es Ihnen, wenn Sie solche Gewaltszenen schreiben?
Leider bin ich ein Massenmörder – zumindest, was meine Drehbücher betrifft. Als Autor habe ich viele Morde begangen!  Meine Frau kennt das schon, dass ich dann ein paar Tage lang sehr unrund bin, weil ich diese Szenen eigentlich nicht schreiben will.  Mich in einen Mörder hineinzudenken, kostet mich große Überwindung. Es macht etwas mit mir – und keinesfalls etwas Angenehmes.

 Hat das auch damit zu tun, dass man seit Sigmund Freud das „Böse“ kaum mehr an einer Person festmachen kann, sondern  immer das gesellschaftliche Umfeld mitbedenken muss?
Ja, das stimmt! Aber genauso muss man als Drehbuchautor auch die Brüche im „Guten“ herausarbeiten. Denn wir sind  alle Produkte unserer Umwelt. Es liegt auf der Hand, sich beim Beschreiben eines Mörders zu fragen:  Wie ist er so geworden? Und genauso frage ich mich das bei den „Guten“.Ich muss alle Figuren, die ich erfinde, auch lieben können.  

die hölle. honorarfrei.… Foto: /Allegrofilm In „Die Hölle“ spielt Tobias Moretti den „Guten“ überzeugend als  zwiespältige Figur. Haben Sie die Rolle für ihn geschrieben?
 Die Figur war ursprünglich jünger, und Moretti kam erst ins Gespräch, als das Drehbuch schon fertig war. Er hatte dann von sich aus so viele gute Einfälle, dass ich ihm die  Rolle  nachträglich auf den Leib geschrieben habe.

Sie greifen in „Die Hölle“ die Themen Zuwanderung, Prostitution und  das viel diskutierte „Gewaltpotenzial“ des Koran auf, was auch Kritik hervorgerufen hat. Wie stehen Sie dazu?
Es war mir schon während des Schreibens bewusst, dass es kritische Reaktionen geben könnte. Andererseits beschreibe ich ja den Mörder als Wahnsinnigen, der seine Unmenschlichkeit als religiösen Fanatismus tarnt. Als David Fincher „Sieben“ (1995, mit Brad Pitt, Gwyneth Paltrow, Anm.) drehte, hat sich niemand darüber aufgeregt, dass der Serienmörder   ein religiöser – in diesem Fall   christlicher –  Fanatiker war.  Der Islam und das Christentum sind Weltreligionen, die so etwas aushalten sollten. Ich greife ja nicht die Religion an sich an, sondern einen Fanatiker, der sie falsch interpretiert.

Sie zeigen das Leben der Migranten in Wien in  vielen Schattierungen –   dabei spielt der Islam eine  bedeutende Rolle.
Ich habe dieses Milieu  genau studiert und  festgestellt, dass es sich kaum von jenem unterscheidet, das man als „urwienerisch“ bezeichnen würde. Es gibt   alteingesessene Wiener, die Migranten ablehnen. Genauso gibt es „Zugereiste“, die alles ablehnen, was sie hier in Wien vorfinden. Andererseits gibt es auf beiden Seiten   Menschen, die   für eine gemeinsame Zukunft aufgeschlossen sind. In „Die Hölle“ lasse ich beide zu Wort kommen – das verstehe ich unter „politisch korrekt“.

(KURIER/Gabriele Flossman) Erstellt am
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