Doron Rabinovici über Meister im Töten

EHRENZEICHEN AN RUTH BECKERMANN: RABINOVICI
Foto: APA/ROLAND SCHLAGER Doron Rabinovici

"Die Außerirdischen" müssen gar nicht landen, Menschen sind für die Diktatur immer bereit.

Wenn jemand zur Schlachtbank geführt wird, ein Mensch noch dazu ... wie lange dauert es, bis die Proteste aufhören? Bis man es ganz normal findet und keinen Gedanken mehr darüber verliert?

Auschwitz kann ja durchaus auf einer schönen Tropeninsel liegen.

Und es müssen keine Viehwaggons sein, die die Todeskandidaten zur Schlachtung bringen.

Ist auch im klimatisierten Flugzeug möglich ...

Wehren

Der Wiener Doron Rabinovici hat oft in Interviews gesagt, wir sollen uns nicht alles gefallen lassen, sondern mitreden und dagegen reden.

Jetzt legt er uns "Die Außerirdischen" hin – mit einem Zitat Kafkas am Anfang: "Bin ich verurteilt, so bin ich nicht nur verurteilt zum Ende, sondern auch verurteilt, mich bis ins Ende hinein zu wehren."

Rabinovicis Buch ist die Bestätigung, dass der Mensch ein Meister im Töten und beim Sterben ist.

Ein gescheiter Roman, der manchmal zu holpern und zu stolpern scheint und absurd überhöht klingt.

Ein Roman mit Momenten – etwa wenn ein Restaurantkritiker zum wichtigsten politischen Talkmaster des Landes (oder gar der Welt) wird –, in denen man flüchten will vom Buch.

– ehe man sich auf die Stirn schlägt: Ist doch "in echt" genauso (aber anders). Ganz genauso verrückt.

Fake News

Weltweit wird in den Nachrichtensendungen verkündet: Außerirdische sind gelandet.

Die Folgen kommen schnell: Panik, Plünderungen, Hungersnot – und Rechtspopulisten, die sofort härtere Strafen für die Außerirdischen fordern.

Eine Superidee, wie immer. Denn die Außerirdischen hat noch niemand gesehen – man darf vermuten: Es gibt sie gar nicht.

Es handelt sich um "Fake News", größtmögliche, um für Unterwerfung zu sorgen.

Denn nachdem sich die Lage entspannt hat, wird Euphorie verbreitet: Die Außerirdischen wollen Frieden. Und, hurra, sie können unsere Medizin revolutionieren.

Popstars singen "We are all aliens". Die Aktienkurse steigen, man spekuliert mit dem Himmel und handelt mit Grundstücken im All. Dümmere Luftgeschäfte gab es noch nie.

Und nur ein ganz klein wenig wollen die angeblichen Marsmenschen Menschenfleisch. Ist eh nett von ihnen: Es muss als freiwillige Spende kommen.

Also werden Wettkämpfe veranstaltet, das Fernsehen ist live dabei. Die Gewinner werden angeblich reich, die Verlierer werden ins Flugzeug Richtung Insel gesetzt.

Nichts gewusst

Was kann man dagegen haben? Muss ja keiner mitspielen. Und dass alle, die protestieren und sich folglich nicht an Spielregeln halten, ebenfalls deportiert werden ... weiß ja niemand – nein, wir haben vom Massenmord (wieder) nichts gewusst!

So einfach wird erzählt. So einfach funktionieren Diktaturen.

Man braucht keine Außerirdischen, um kein Mensch zu sein .

Man braucht keine Außerirdischen, um Mensch zu sein.


Doron Rabinovici:
„Die
Außerirdischen“
Suhrkamp.
255 Seiten.
22,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

(kurier) Erstellt am
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