Der neue Leiter des Donaufestivals: Thomas Edlinger.

© Ingo Pertramer

Festival in Krems
03/10/2017

Donaufestival: "Ein Besuch soll keine Prüfung sein"

Thomas Edlinger über das diesjährige Programm, Neuigkeiten und seine Handschrift.

von Marco Weise

Das Programm des ersten Donaufestivals nach der Ära Thomas Zierhofer-Kin steht fest. Präsentiert wurde es am Donnerstag von Thomas Edlinger, der die kommenden fünf Jahre das Festival in Krems leiten wird.

KURIER: Krempeln Sie das Festival um, oder bleiben Sie der bisherigen Ausrichtung treu?
Thomas Edlinger:
Eine Neuerfindung im alles umstürzenden Sinn gibt es nicht. Das war aber auch nie meine Absicht. Es gibt aber sehr wohl neue Formate und auch neue Spielstätten. Wir legen Wert auf thematische Vertiefungen und erweitern den Schwenkbereich von Musik, Performance, Film und Bildender Kunst.

Was waren die ersten Schritte, die Sie gesetzt haben?
Wir haben uns früh über ein Leitthema Gedanken gemacht, das die Gegenwart zu begreifen hilft. Ein Thema, das Fragen an unser Leben stellt, uns also unter den Fingern brennt und zugleich künstlerisch reflektiert wird.

Welches Leitthema haben Sie für Ihr erstes Festival gewählt?
Im Rahmen der Vorbereitungen ist mir der Begriff Empathie aufgefallen, der von Politikern als Süßstoff bei Reden über die Willkommenskultur eingesetzt wird. Die Fähigkeit, in die Haut des anderen zu schlüpfen, wie Ex-US-Präsident Barack Obama die Empathie definiert, wurde zum moralischen Ideal. Die Empathie wurde aber auch in verschiedenen künstlerischen Arbeiten aufgegriffen, wie etwa in der von Ai Weiwei, der eines der bekanntesten Bilder der Flüchtlingskrise nachgestellt hat. Wir haben dann nach ambivalenten Haltungen zur Empathie gesucht und diese auch in verschiedenen Bereichen der Kunst gefunden.

Das Thema des Festivals ist also Empathie, der Titel dazu "Du steckst mich an". Womit kann man sich anstecken lassen?
Etwa von einem positiven Gefühl, von der Hilfsbereitschaft anderer. Man kann sich aber auch von einem negativen Klima inklusive Hass und Angst anstecken lassen. "Du steckst mich an" hat aber auch noch eine dritte Bedeutung – einen medientechnischen Aspekt. Es geht um Konnektivismus, die zunehmende Digitalität. Also darum, wie sich Technologie auf dem Alltag auswirkt. Denn Medien gaukeln zunehmend vor, sie könnten – etwa durch subjektive Kameras oder sogenannten embedded journalism – die konkrete Arbeit der Empathie ersetzen.

Was macht das Donaufestival für Sie persönlich aus?

Unter Zierhofer-Kin hat sich das Donaufestival zu einem international beachteten Festival entwickelt, das sich der genreübergreifenden Gegenwartskunst annimmt. Mit dieser Tradition des forcierten Traditionsbruchs will ich nicht natürlich nicht brechen. Meine Handschrift ist aber eine andere als die von Zierhofer-Kin.

Was soll das Festival beim Publikum auslösen?
Für mich hat das Donaufestival eine wichtige, notwendige Aufgabe: Es soll sich mit zeitgenössischen Themen und Künsten auseinandersetzen, thematische Schwerpunkte vermitteln und den Horizont des Festivalbesuchers erweitern. Lösungen können wir natürlich nicht garantieren, aber wir wollen bestimmte Fragestellungen ansprechen.

Das Musikprogramm ist bunt und von Stilbrüchen durchzogen. Ist Ihnen dieser Kontrast wichtig?
Ja. Es soll keine Einförmigkeit des Sounds geben. Einerseits gibt es im Programm Bands, die eine Geschichte, eine Tradition vorzuweisen haben – wie die Einstürzenden Neubauten, Wolfgang Voigt oder Scritti Politti. Kontrastiert wird das mit exemplarischer Gegenwartsproduktion – darunter Moor Mother, die ihre Musik als aufwühlenden "Slaveship Punk" bezeichnet. DJ Lag, der für einen neuen Stil am Dancefloor steht. Foodman, ein japanischer Produzent, der Footwork aus Chicago mit Spielkonsolen-Ästhetik bricht. Es kommen aber auch Metal, Jazz, Freecore und konzertante Musik nicht zu kurz. Das Eröffnungskonzert von Sote wird etwa persische Folklore mit elektronischer Musik verschmelzen.

Dem Publikum wird also einiges abverlangt.
Abverlangt würde ich nicht sagen, denn ein Besuch beim Donaufestival soll keine Prüfung sein. Wir setzen und hoffen auf Menschen, die mit einem offenen Blick nach Krems kommen.

Welche Neuigkeiten gibt es?
Unter dem Titel "Theory & Talks" gibt es Diskussionen mit Autoren und Autorinnen, die sich in ihren Büchern Gedanken zu unserem Leitmotiv Empathie gemacht haben. Neu ist auch die Festivalzentrale, die Bar und Veranstaltungsort zugleich ist. Und es wird auch zum ersten Mal einen Reader zum Festival geben. Es ist eine Art Magazin, in dem sich Texte von verschiedenen Autoren dem Thema Empathie widmen. Es ist nicht als Katalog zu verstehen, sondern als eigenständiger Festivalbeitrag. Mein Ziel ist es, mit der Setzung von Leitmotiven, dem Festivalbesucher einen zusätzlichen Mehrwert mit nach Hause zu geben.

Info: Donaufestival – von 28. April bis 1. Mai sowie 5. bis 6. Mai in verschiedenen Locations in Krems.

Das Donaufestival will "anstecken"

"Ein Festival ist nicht nur eine Ansammlung von künstlerischen Formaten, sondern schafft im besten Fall eine eigene Atmosphäre, einen Magnetismus für Offenheit", betonte Edlinger bei der Programmpräsentation am Donnerstag in Wien. Im ersten Jahr nach der Ära von Tomas Zierhofer-Kin will er in seiner Idealvorstellung eine Parallelwelt erzeugen, "die die Wirklichkeit nicht nur kritisch abbildet und reflektiert, sondern eine neue erfindet". So könne etwa der "visuelle und musikalische Noise ein Verhältnis mit dem sozialen Lärm" eingehen.

Frostig

Wer beim Blick ins Programm auf bekannte Namen wie den australischen Lärmfetischisten Ben Frost oder die nicht minder radikale US-Amerikanerin Pharmakon trifft, dem kann Edlinger auch sagen: "Die Tradition des Festivals liegt im Traditionsbruch." Dieser passiert etwa mit einer neuen Diskussionsschiene, die an vier Abenden im Kino im Kesselhaus das Festivalthema vertiefen soll. In punkto Empathie stehen allen voran drei Konzeptionen im Fokus: Einerseits ein euphorischer, positiver Zugang zum Prozess der Ansteckung, andererseits deren problematische Ausformung im Sinne einer Vergiftung und schließlich ein medientechnologischer Ansatz.

Eine "emotionale Ansteckung" versprach die diesjährige Performance-Kuratorin Bettina Kogler beispielsweise für die Uraufführung von Doris Uhlichs "Habitat" in der Dominikanerkirche, einem der neuen Schauplätze. "In diesem leeren, hautfarbenen Raum lässt sie täglich 30 Nackte performen." Dabei könne letztlich "der Besucher mit seinem eigenen Körper Frieden schließen". Ebenfalls ein mehrstündiges Erlebnis verspricht "In Void" von Kris Verdonck am Messegelände, einer laut Beschreibung "geisterhaften Maschinenrevue" des belgischen Künstlers, bei der unterschiedlichste Objekte zum Leben erwachen. "Und man beginnt schnell, etwas für sie zu fühlen", so Kogler.

Als Auftragsarbeit lässt "Siblings" von Colin Self die Grenzen zwischen Musik und Performance verschwimmen. "Er steht beispielhaft für Hybridität und die Annäherung an unser Leitthema", unterstrich Edlinger. Sind es hier "Alien Drags", die zwischen einzelnen Nummern und opernhaftem Gestus oszillieren, begegnet man im Forum Frohner einem Schlagersänger vergangener Tage: "mutwillig, Shayne" widmet sich dem Libanesen Ricky Shayne, der in den 70ern allen voran im deutschsprachigen Raum Erfolge feierte. Nach einer Idee von Stephan Geene wird dessen Geschichte (mit seiner Mitwirkung) neu erzählt - vom Bravo-Starschnitt bis zu projizierten Fantasien.

Stockholm

Das musikalische Programm gibt sich an den beiden Wochenenden gewohnt eklektisch und kontrastreich: So gibt es bei GAS live Ambientsounds von einem Technovorreiter, verknüpft Moor Mother Maschinengerumpel mit Jazz-Versatzstücken und Rap-Einlagen und darf Ausnahmedrummer Greg Fox wieder sein Können zeigen, gastiert er doch mit Guardian Alien. Anhänger harter Gitarrenkost kommen bei Ulver im Schnittfeld von Black Metal und Drone auf ihre Kosten, können sich anhand der Sounds von The Body dem Exzess hingeben oder dem atmosphärischen Weltuntergang bei Deafheaven beiwohnen. Ein definitives Highlight sollte auch der Auftritt der deutschen Legenden Einstürzende Neubauten rund um Charismatiker Blixa Bargeld werden.

Am Messegelände wird heuer außerdem ein Festivalzentrum installiert, das mit DJs und weiteren Programmpunkten aufwarten wird. Unternehmungslustige erwartet mit "Stockholm Syndrom" außerdem ein Format, das Überraschungen bereithält: An jedem Festivaltag wird an einen unbekannten Ort, zu einem unbekannten Künstler entführt. "Man weiß nicht, was passieren wird, und man kann es auch nicht googlen", versprach Edlinger. Wer sich stattdessen in aller Ruhe mit Empathie und Co beschäftigen möchte, für den gibt es erstmals einen Festivalreader mit weiterführenden Texten sowie einem USB-Stick inklusive Musik auftretender Acts. Abgerundet wird das Angebot durch Installationen von u.a. Vika Kirchenbauer und Stephane Roy sowie zwei Filmvorführungen.

INFO: Donaufestival, von 28. April bis 1. Mai sowie 5. bis 6. Mai in verschiedenen Locations in Krems. Festivalzentrale am Messegelände, Utzstraße 12, 3500 Krems. Weitere Infos zu Programm und Tickets gibt es hier.