© David Visnjic/donaufestival

Kultur
10/03/2021

Donaufestival: Bunt spritzende Unruhe im holzgetäfelten Mehrzwecksaal

Ein Besuch beim Donaufestival in Krems - mit einer wichtgen Frage.

von Georg Leyrer

„Dat sieht man nich’ alle Tage!“, ruft in Krems einer, der dem Zungenschlag nach nicht aus Krems stammt. Stimmt! Im auslaufenden Einkaufsnachmittag windet sich eine erstaunliche Figur durch die Fußgängerzone: ausgerüstet wie für die Zeit nach Blackout, Klimakollaps und Covid-2025, eine Figur aus der Postapokalypse. Wie soll man da in Ruhe Marillenschnaps shoppen?

Später kriecht der schwarze Schuh- und Taschenmann durch die Messehallen. Dort wiederum hebt kaum einer die Augenbraue. Das sieht man vielleicht nicht alle Tage, aber, eh klar, beim Donaufestival.

Fliehkraft

„Fiktionen des Fleisches“ nennt sich die Performance, und sie ist Teil der ersten Ausgabe des Kremser Festivals nach Ausbruch der Pandemie (noch heute, Sonntag, und vom 8. bis 10. Oktober). Sie ist damit Teil einer Frage, der man sich nun auch wieder stellen muss: Wie geht es eigentlich all der Kunst, die die nach eineinhalb Sorgenjahren aufgerauten Menschen nicht in ihren Emotionen abholt, sondern noch extra herausfordert? Der Kunst, die schon in „normalen“ (haha) Zeiten dem Publikum steile Kurven vorgibt – und dabei gar nicht wenige dank Fliehkraft unterwegs verliert?

Das Donaufestival, sonst früher im Kalender angesiedelt, muss hier Eisbrecher spielen: Ist da wer, der schon wieder bereit ist, sich herausfordern zu lassen?

Tränengas und Kunstfinanzierung

Start am Nachmittag: Im Kapitelsaal sieht man einen Film (u. a. von Laura Poitras, bekannt für ihre Doku über Edward Snowden) über Tränengas, das gegen US-Bürger verwendet wird. Dahinter steckt einer der Geldgeber des renommierten Whitney-Museums. Kunst hat keine weiße Weste.

Stadtsaal im Fließ-Gewand

Später dann denkt man wieder an die Amerikaner. Die sagen „der Farbe beim Trocknen zusehen“ immer dann, wenn etwas megafad ist. Im Stadtsaal sah man der Farbe nicht beim Trocknen, sondern beim Fließen zu, und es war, wirklich, alles andere als fad: Die Künstlerin und studierte Mikrobiologin Ira Melkonyan verband allerlei Plastiksackerln, Schläuche und Pumpen zu einer Installation, in der im Laufe einer Dreiviertelstunde alles ins Fließen gerät.

Hier, wo derart äußerlich und innerlich Buntes den holzvertäfelten Mehrzwecksaal mit Unruhe füllt, ist man schon wieder sicherer, dass es das alles braucht. Mitteljunge Menschen, spürbar weniger als vor dem C-Wort, schauen zu, und lauschen wenig später dann einem französischen Experimentaltrompeter, einer Transgenderkünstlerin mit Club-Sounds und den feministischen Selbstermächtigungsliedern einer tunesischen DJ.

Es sind Fiktionen nicht des Fleisches, sondern der kulturellen Weltöffnung. Endlich. Man hat sich lange genug verkrochen.

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