Charismatischer Zeitzeuge und Erzähler: "Marko Feingold - Ein jüdisches Leben"

© Stadtkino Wien

Kino
09/29/2021

Doku über Marko Feingold: Ein „richtiges Praterkind“ in der Leopoldstadt

Ein Filmporträt über Marko Feingold, dem zuletzt ältesten Holocaust-Überlebenden Österreichs

von Alexandra Seibel

„Ich bin heute 105 Jahre alt und immer noch am Leben“, sagt Marko Feingold und schaut in die Kamera. Seine Existenz ist tatsächlich ein wahres Wunder, denn Feingold hat vier Konzentrationslager über eine Zeitspanne von sechs Jahren überlebt: „Wahrscheinlich hält mich der Zorn so am Leben.“

Kurz nach diesen Aufnahmen starb Marko Feingold am 19. September 2019 in Salzburg; mit 106 Jahren war er der zuletzt älteste Holocaust-Überlebende Österreichs und erinnerte Zeit seines Lebens an die Verbrechen des Nationalsozialismus.

Das Porträt „Marko Feingold – Ein jüdisches Leben“ (ab Freitag im Kino) legt beredtes Zeugnis davon ab.

Auch noch im Alter von 105 ist Marko Feingold ein blendender Erzähler. Im charmanten Altwiener Dialekt erinnert er sich an seine Jugend in der Leopoldstadt und daran, wie er „ein richtiges Praterkind“ wurde. Allein seine Schilderungen des Praterlebens und der Attraktionen wie der „bladen Fanny“ sind umwerfend und erinnern an die Praterbeschreibungen von Felix Salten.

Mit der Schule verbindet er in erster Linie schlechte Erfahrungen mit antisemitischen Lehrern, darunter auch mit einem getauften Onkel von Bruno Kreisky.

Feingolds lebhafte Reminiszenzen an sein Leben in der Zwischenkriegszeit, die grausamen Jahre im KZ und das erbärmliche Verhalten der österreichischen Regierung gegenüber den Juden nach dem Krieg sind temperamentvoll, berührend und durch und durch anschaulich. Es hätte nichts weiter bedurft, als für seine Erinnerungen einen klaren, filmischen Raum zu schaffen.

Allerdings sind die Filmemacher – Christian Krönes, Florian Weigensamer, Christian Kermer, Roland Schrotthofer – von einem Formwillen beseelt, der mehr über sie selbst als über ihren Interviewpartner aussagt.

Zeugenschaft

Mit wechselnden Kameraperspektiven auf Feingolds Gesicht, gefilmt in balsamierendem Schwarz-Weiß, bringen sie unnötig Unruhe in seinen Redefluss. Zwischen Interviewpassagen schneiden sie Archivmaterial – etwa US-Propagandafilme oder Aufnahmen von der Kahlrasur französischer Frauen, die mit den Deutschen kollaboriert hatten.

Diese Aufnahmen wären an sich hoch interessant, stehen aber meist in keinem erkennbaren Zusammenhang mit Feingolds Erzählungen.

Auch Beschimpfungen in Form von Leserbriefen oder Postings, die wiederholt eingeblendet werden, fühlen sich als Beweisführung, dass es immer noch Antisemiten gibt, zunehmend entbehrlich an. Marko Feingolds starke Stimme und seine Zeugenschaft hätten völlig ausgereicht.

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