documenta 14: Kunst -Asketen besetzen Kassel

documenta 14 Kassel
Foto: APA/dpa/Boris Roessler "Real Nazis" heißt das Werk von Piotr Uklanski, welches am 07.06.2017 auf der documenta 14 in Kassel (Hessen) zu sehen ist

Die Weltkunstschau tritt in Kassel mit radikalem Anspruch auf. Inhaltliche Anliegen überstrahlen jedoch oft die Kunstwerke.

Wäre der bärtige Kurator Dieter Roelstraete nicht davorgestanden, hätte man die zwei kleinen alten Gemälde, die am Beginn des Parcours in der Neuen Galerie in Kassel hängen, beinahe übersehen: Mit Beschriftungen und Erklärungen hat es die Kunstschau documenta, zu deren Image das Schwierige fest dazugehört, ja nicht so.

Doch die beiden Renaissance-Tafeln sind Schlüsselbilder, sagt der Kurator. Sie zeigen nämlich, wie der Heilige Antonius Versuchungen widersteht. Auf einem Bild schiebt der Mönch dazu einfach einen großen Goldklumpen zur Seite. Und dies, sagt der Kurator, "ist auch das, was wir hier versuchen."

Savonarola in Kassel

Adam Szymczyk, der künstlerische Leiter der documenta14, ist mit seinen Getreuen in Kassel eingefallen wie einst der Prediger Savonarola im Florenz der Medici. Entsagt dem Markt! Entsagt dem Spektakel! scheint es aus jeder Ecke zu hallen, obwohl der Parthenon-Nachbau am Friedrichsplatz schon auch irgendwie spektakulär ist.

Die gedankliche Essenz des Askese-Festivals findet sich jedoch am ehesten in der Neuen Galerie verdichtet, nicht zu verwechseln mit der "Neuen Neuen Galerie", die in einem alten Postgebäude eingerichtet wurde.

Im historischen Museumsbau manifestiert sich der Wille der documenta-Macher, nicht nur die Zukunft zu erneuern, sondern auch die Geschichte umzuschreiben. Marmorstatuen aus dem 19. Jahrhundert, die "die Länder der Kunst" darstellen sollen, sind hier etwa mit Bronzestatuen konfrontiert, die einst aus Benin geraubt wurden: Die Botschaft, dass die westliche Kulturgeschichte in einem Sumpf von Kolonialismus und Diskriminierung watet, sitzt wie ein schwarzer Rabe auf der Schulter des documenta-Publikums.

Dass der Kanon erweitert werden muss, zeigt dann eine Abfolge von Räumen, in denen etwa Werke von Navajo-Indianern, der feministischen Sex-Aktivistin Annie Sprinkle oder von Lorenza, einer armamputierten Kasseler Transgender-Künstlerin, zu sehen sind.

Schrumpfköpfe

Project by artist Cavalho called "The Drill" is di Foto: REUTERS/KAI PFAFFENBACH Drastisch und ist das Werk "A War Machine" des Peruaners Sergio Zevallo: Er wendet die überkommene Praxis, Verbrecher aufgrund ihrer Gesichtszüge zu "überführen", nicht nur auf Konzernbosse und Politiker, sondern auch auf die wegen zehnfachen Mordes angeklagte Rechtsextremistin Beate Zschäpe an.

In der Art ethnographischer Beweisfotos werden die Porträts der "Verdächtigen" vorgeführt, zusätzlich fertigte der Künstler Schrumpfköpfe der Personen an: Dass bei diesem symbolischen Rache-Gestus ernsthaft alles über einen Kamm geschoren wird, kann oder will man nicht recht glauben.

Doch dass der Wille zum Umdrehen des sprichwörtlichen Spießes bei dieser documenta alles andere überlagert, wurde im KURIER bereits am Donnerstag angemerkt. Das Problem ist, dass vieles nicht zu Ende gedacht, ja nachgerade naiv erscheint: Das zeigt auch der Beitrag Künstlerin Maria Eichhorn, die für die Dauer der Schau ein Institut für Provenienzforschung gegründet hat.

Restitutionskunst

Project by artist Eichhorn is displayed ahead of t Foto: REUTERS/KAI PFAFFENBACH Im Schauraum der Neuen Galerie geht Eichhorn nicht über die Darstellung von Einzelschicksalen hinaus – ein solches Beispiel, die Geschichte des restituierten Gemäldes "Zwei Reiter am Strand" von Max Liebermann aus der Gurlitt-Sammlung, wurde medial schon vielfach breitgetreten. Zusätzlich erhofft sich die Künstlerin nun aber Input aus der Bevölkerung zu möglichem Raubgut in privatem Besitz, will Bewusstsein für die Herkunft dubioser Erbstücke schaffen. Wer die zähe Materie der Provenienzforschung auch nur in Ansätzen kennt, kann diesen Wunsch aber bloß "fromm" nennen.

Liebe zu Griechenland

Der Name Gurlitt war im Vorfeld der documenta oft gefallen, zur Ausstellung der einst beschlagnahmten Werke des "berüchtigten Kunstbunkerers Cornelius Gurlitt" (so ein documenta-Wandtext) kam es nicht. Dafür taucht ein Bild der Athener Akropolis von Louis Gurlitt (1812 – 1897), Landschaftsmaler und Cornelius’ Urgroßvater, auf.

Die Beziehungen zwischen Deutschland und Griechenland bilden einen der gelungenen Erzählstränge der Ausstellung. Abseits der Neuen Galerie, wo die Liebe deutscher Geistesgrößen zum Hellenentum museal aufbereitet ist, amüsiert etwa Roger Bernats Verpflanzung eines vorgeblich antiken griechischen Marmorblocks auf einen einst für NS-Rituale genutzten Platz in Kassel. Xafos Zagoraris’ Nachbildung eines "Willkommen"-Schildes wiederum erinnert an jene 6500 Griechen , die 1916 im deutschen Görlitz empfangen wurden und dort – halb Gefangene, halb Gäste – in einem Lager lebten.

Occupy documenta!

Das Schild steht am Ausgang eines aufgelassenen Bahntunnels, einem weiteren "abseitigen" Spielort, den Szymczyk für die documenta urbar machte. Generell sind diese Orte Szymczyks rebellischem Konzept näher als die etablierten Hallen, sie lassen die Schau atmosphärisch jünger wirken und bieten oft auch spannendere Kunst.

Zugleich ergibt sich daraus das Gefühl, als hätte die Occupy-Bewegung die einst als globale Leistungsschau beachtete Veranstaltung besetzt und unterwandert – und vielleicht ist genau das die Idee.

Die Künstlerinnen und Künstler, die sich an den verschiedenen Spielorten – gern auch in Gruppen oder abstrus benannten "Gesellschaften" – zusammenfinden, scheinen für die Zeit nach dem Ende der globalen Krisen zu proben. Nur leider wirken sie dabei weder besonders inspiriert noch inspirierend.

Post-Krisen-Kunst

GERMANY-ART-DOCUMENTA Foto: APA/AFP/RONNY HARTMANN Das ästhetische Erleben wird im Zuge der Ab- und Auflehnung bei dieser Kunstschau nämlich schlicht zu oft in der Abstellkammer verräumt. Ein Beispiel ist das Arrangement in der zentral gelegenen documenta-Halle – sie negiert die Möglichkeiten des lichten Baus mit einer losen Abfolge von Videos, Gemälden und Memorabilia des Weltmusik-Stars Ali Farka Touré. Ein im Raum hängendes Schiffswrack ist das Monumentalste, was man zu sehen bekommt.

Dass formvollendete Kunst der Bewusstseinsbildung nicht abträglich ist, zeigt dagegen der Israeli Roee Rosen, der im nahen Bellevue-Haus eine Oper zu Ehren eines Staubsaugers (!) mit Meldungen über restriktive Flüchtlingspolitik kurzschließt: Gerade durch die absurde Konfrontation rund um das Motiv "Sauberkeit" entsteht hier ein prägnanter Eindruck.

Doch solche Werke sind dünn gesät in einem Kunstparcours, bei dem sich allzu oft die Frage stellt, warum dieses oder jenes Werk überhaupt da ist. Ein alternativer Kunst-Kanon braucht jedoch Werke, die sich ihren Platz ästhetisch erkämpfen können. Andernfalls besteht die Gefahr, dass der Betrieb erst recht wieder ins elitäre Spektakel zurückfällt.

(kurier) Erstellt am
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