Kultur
08.06.2017

documenta 14 in Kassel: Sühne im Tempel der Gerechten

Die Ausstellung zeitgenössischer Kunst in Kassel versteht sich als Gegengewicht westlicher Politik.

Drei Bildschirme empfangen anreisende Besucher derzeit am Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe: Der mittlere zeigt die Akropolis, links laufen Debatten aus dem deutschen Bundestag, rechts aus dem Parlament in Athen.

Athen und Kassel, das sind jene Pole, zwischen denen die documenta 14 eine Achse des Guten schmieden möchte: Die Idee des künstlerischen Leiters Adam Szymczyk, die deutsche Großausstellung erstmals gleichberechtigt an zwei Orten zu zeigen, wirkte zunächst wie eine Entschuldigungsgeste gegenüber Griechenland für die von Deutschland vorangetriebene Sparpolitik.

In Kassel, wo die Schau am Mittwoch für Fachpublikum öffnete und ab Samstag Besuchern aus aller Welt offensteht, überwiegt aber die Geste der Selbstbeschuldigung: Es scheint, als möchte die documenta "dem Westen" all seine Verfehlungen vorhalten und austreiben.

Selbstgeißelung

Zumindest klangen so die Ansagen der Kuratoren, die in einer Pressekonferenz alle Übel anprangerten, gegen die die Kunst Stellung zu beziehen habe. Am präzisesten formulierte es der Co-Kurator Bonaventure Ndikung, der neben den üblichen Verdächtigen (Kolonialismus, Kapitalismus, normierte Geschlechterrollen) vor allem die "als Gewissheit dargestellte Ungewissheit" anprangerte: Also die scheinbar einfachen Lösungen und Normen, die von Populisten und Tyrannen als Gegenmittel zu der allseits spürbaren Verunsicherung postuliert werden.

Die Räume der Ausstellung sollten dagegen "Räume der Ungewissheit" sein, im positiven Sinn – Orte, um neue Möglichkeiten, neue Ordnungen zu denken.

Die Donald Trumps dieser Welt wird das Argument vielleicht nicht erreichen. Und jene, die bereits als Bekehrte nach Kassel kommen, könnten ein Problem damit haben, dass die Gemeinde der bislang Ausgegrenzten hier mit einem solchen Dominanzgestus auftritt, dass man sich seines Nicht-Ausgegrenztseins beinahe schämt.

Zugleich droht der zur Schau gestellte Wille zur Gerechtigkeit teils in die Selbstgerechtigkeit zu kippen.

Schwarze Reinigung

So senkt sich der Blick also vor einem Vorhang aus Rentierschädeln von Máret Ánne Sara, die an eine mutwillige Schlachtung erinnern sollen, die die norwegische Regierung einst auf Kosten der Volksgruppe der Samen anordnete. Eine Frau mit Bauchladen bietet schwarze Seife an – es ist eine Aktion des Nigerianers Otobong Nkanga, der die Verkäuferin angewiesen hat, mit Kunden über Konsumgewohnheiten und Warenwege zu sprechen. Die im Reinigungswerkzeug enthaltene Kohle ist in ihrer Symbolik wohl kein Zufall. Auch die Eisenbarren, die Dan Peterman in der Schau platzierte, wollen über Recycling und Wertschöpfung sprechen.

Viele neue Orte

Die genannten Werke sind allesamt in der "Neuen Neuen Galerie" zu sehen – einem teilweise aufgelassenen Postamt, das Szymczyk mit seinem Team als neuen Austragungsort für die documenta adaptierte. Es ist Teil der Desorientierungs-Strategie, die sich das Team auf die Fahnen geschrieben hat – weg von etablierten Hierarchien und Wissensmodellen, hinein in die heutige, diffuse Welt. Eine schöne Fotoserie von Ahlam Shibli dokumentiert im alten Postamt etwa Kassels Migranten-Community, zu der Türken und Araber ebenso gezählt wurden wie Sudetendeutsche und Siebenbürgener. Das Umfeld des Postgebäudes, der migrantisch geprägte Stadtteil nördlich der Innenstadt, ist noch Schauplatz zahlreicher weiterer Projekte.

Im Zentrum ist dagegen Griechenland eingekehrt: Der "Parthenon of Books" der Argentinierin Marta Minujín ist zweifellos das Wahrzeichen dieser documenta, auch wenn die Menge an bisher gespendeten, einst verbotenen Büchern bislang nicht ausreichte, um die Struktur, die nach Originalmaßen des Tempels auf der Akropolis errichtet wurde, ganz zu bestücken.

Harmloses Gastspiel

Das Museum Fridericianum, traditionellerweise die erste Adresse für das Publikum der Kunstschau, wird diesmal in einer Art Austauschprogramm mit der Sammlung des Athener Museums für Gegenwartskunst (EMST) bespielt. Angesichts der vielen radikalen Ansagen und Theorien verblüfft diese in ihrer Harmlosigkeit: Zwischen formalen Experimenten, Spiegelskulpturen und Gemälden (und es gibt sie doch!) sticht hier am ehesten noch die Interview-Sammlung zur Frage "What Is Democracy?" des Österreichers Oliver Ressler als politische Tiefenbohrung hervor.
documenta-Chef Adam Szymczyk, der gegen Ende der Pressekonferenz zu einem kurzen Statement anhob, scheint im Übrigen auch den herkömmlichen Formen der Demokratie nicht mehr ganz über den Weg zu trauen: Man müsse "selbst zum politischen Subjekt werden", sagte er. Ob die Kunst dabei in der Art hilft, wie er es sich wünscht, lässt sich wohl erst im historischen Rückblick sagen.