Kultur
02.05.2018

DJ Koze: "Ich bin ein Soul-Typ"

Stefan Kozalla alias DJ Koze über sein neues Album „Knock Knock“, fehlende Refrains, Muse, überladene Popmusik, Unperfektheit und seinen Zoo voller Sounds.

„Ich dachte, ich klopfe an und schaue, wer aufmacht“, antwortet Stefan Kozalla alias DJ Koze gewohnt schelmisch im KURIER-Interview auf die Frage, warum er sein neuen Album „Knock Knock“ benannt hat. Der Hamburger, der in den 90er-Jahren mit der Hip-Hop Band Fischmob und den Nullerjahren mit der Supergroup International Pony international Erfolge feierte, veröffentlicht seit rund 20 Jahren unter diversen bescheuert-lustigen Pseudonymen wie Monaco Schranze und Adolf Noise Musik. Als DJ Koze tingelt er nicht nur durch die Clubs dieser Welt, sondern liefert regelmäßig tolle Alben und Remixe ab, die oftmals Kult-Status erreichen.

KURIER: Was war Ihnen bei der Produktion von „Knock Knock“ wichtig?
DJ Koze: Ich habe versucht, die Musik zu machen, die ich selber hören wollte. Die es so nicht gab von mir als Albumentwurf. Im Fokus stand für mich das Rantasten an Songs. Allerdings habe ich bei den Songs die wichtigste Hauptzutat vergessen: die Refrains.

Warum?
Mich können Refrains ganz selten überzeugen, denn meistens sind sie ein hysterisches „Hallo, ich will ein Hit sein“. Vielleicht sind diese refrainlosen Songs die maximale Form von Pop, die ich machen kann, ohne mich selber zu winden.

Warum macht „Knock Knock“ einen weiten Bogen um den Club?
Ich höre tagsüber kaum Clubmusik, außer ich mach meine Hausaufgaben. Ich möchte mich mittlerweile lieber dem ganzen Universum der Musik öffnen und zuwenden. Vor allem ist das Album auch eine Hommage an Künstler, die mich in den vergangenen 20 Jahren inspiriert haben. Und die waren eher selten im Clubmilieu sozialisiert.

 

Welche Künstler sind das?
Ich habe früher nicht nur viel Hip-Hop gehört, sondern auch Lambchop, Monster Magnet, Dinosaur Jr., Frank Zappa und noch viel ganz anderes Zeug. Ich bin ja in einer Kleinstadt aufgewachsen, dort haben haben wir als bunter Haufen von Mods, Rockern und Hip-Hoppern zusammen abgehangen. Alkohol, Musik und Feiern war unser gemeinsamer Nenner, aber – und das war das spezielle – musikalisch waren wir gänzlich unterschiedlich unterwegs. Schon fast missionarisch hat jede Gruppierung ihren Sound präsentiert. Das hat mich geprägt. Dieser musikalische Gemischtwarenladen ist immer noch in mir drinnen. Diesen homogen zusammenzuführen, unterschiedliche Musik miteinander zu verbinden und eine eigene Welt, die in sich schlüssig ist zu kreieren, das ist meine Idee. Und so bringe ich auf einer Platte unterschiedliche Musiker zusammen, die sich „im wahren Leben“ niemals begegnen würden: José Gonzales, Róisín Murphy, Bon Iver, Sophia Kennedy, Arrested Development, Kurt Wagner. Ich finde es aufregend, Sounds gefügig zu machen.

Was ist Ihnen bei Ihrer Musik wichtig, was darf nicht fehlen?
Ich bin ein Soul-Typ. Ich suche immer nach Soul, Schmerz, Melancholie, Euphorie und Wärme. Natürlich finde ich auch Musik toll, die diese Wärme nicht verströmt, sondern kalt, rau, abstrakt, technoid ist. Aber das ist nicht jene Musik, die mich berührt. Ich will Intensität, Liebe und Wärme in meine Musik inkludieren. Dabei will ich mich nicht wiederholen. Ich möchte meine eigene Trademark haben, aber ich möchte nicht die gleiche Formel zwei Mal benutzen. Das ist mit Fortdauer der Karriere immer schwieriger.

Das bedeutet?
Ich muss mich mit jedem Track neu erfinden, dabei meine Grundzutaten wie Wärme, einen gewissen Dreck, eine gewisse Unperfektheit nicht außen vor lassen. Aber die Luft wird immer dünner. Ich stelle mir vor jedem Album auch immer die Frage, was könnte ich jetzt versuchen, was kann ich noch nicht so gut. Diesmal waren es Songs. Es muss auch für mich spannend bleiben. Woran kann ich mich heute mal versuchen? Ich glaube das ist die Triebfeder bei jedem Künstler, egal welches Metier.

 

Gehen Sie auf musikalische Trends bewusst nicht ein?
Ich sauge alle Trends auf, die gerade so herumschwirren: Cloud-Rap, Trap und was weiß ich. Ich beschäftige mich damit vor allem aus produktionstechnischer Sicht: Welche Intensität verbirgt sich hinter einem Song von Drake? Solche Fragen beschäftigen mich. Ich bin etwa inspiriert ob dieser mutigen Herangehensweise, die Drakes Produzent 40 an den Tag legt. Seine Produktionen weisen Parallelen zur Clubmusik, zu Deep House auf und tragen stets eine Leere in sich. Das ist für Popmusik außergewöhnlich und super modern – vor allem für die US-amerikanische, die ja normalerweise wie die Hollywood-Filme bis zum Kotzen überladen ist. Es ist so ein „Ins-Gesicht-Spritzen“ von Ideen, damit die Leute das Gefühl haben, dass sie für ihr Geld was bekommen.

Welche Musik inspiriert Sie?
Vor allem alte Soulmusik, denn die war meistens simpel, aber trotzdem sehr intensiv. Sie hatte immer einen klaren Rhythmus, Gesang mit viel Schmerz, der der Harmonie in der Musik entgegengesetzt war. Aber mich inspiriert Musik aus fast jedem Genre. Sie muss mein Herz in Schwingung versetzen. Meistens sind es die Harmonien, die mich weichklopfen.

Was machen Sie, wenn die Muse ausbleibt?
Die fehlende Inspiration ist nicht das Problem, denn ich bin ständig von irgendetwas inspiriert. Das Problem ist ja, diese Inspiration in Kreativität umzumünzen. Man kann Kreativität nicht planen. Man muss es immer wieder und jeden Tag aufs Neue versuchen und irgendwann wird dabei etwas abfallen. Man sagt ja: Die Muse küsst nie ein leeres Studio.

Theoretisch hat jeder durch die zur Verfügung stehenden Hilfsmittel die Möglichkeit, professionell Musik zu produzieren …
… aber: Am Ende des Tages kommt es auf die Idee an. Ein Lied in der elektronischen Musik ist nichts anderes als eine Liste der Entscheidungen, die man getroffen hat. Baut man eine Hi-Hat aus 17 verschiedenen oder reicht eine? Es ist ein nie aufhörender Entscheidungsprozess. Mache ich das jetzt so oder anders? Wann ist das Stück fertig? Daher muss man sich fokussieren, Elemente bestimmen, die führen, sich aus seinem Zoo von Sounds ein Alphatierchen heraussuchen, was durch den Song führt. Und rund um dieses Alphatier geht es lebendig zur Sache – es soll quieken und quaken und hier und da noch ein Vögelchen zwitschern.

Albumkritik: DJ Koze hat auf „Knock Knock“ wieder unzählige Soundschnipsel versteckt, die  einem vielleicht erst beim dritten oder vierten Hördurchgang  auffallen.   Der Hamburger Produzent, Label-Betreiber (Pampa Records) und vielleicht beste DJ  unter der Sonne entführt uns auf seinem  vierten Studioalbum in seine Welt, in der   sich  Kurt Wagner von Lambchop zu  Easy-Listening-Beats  als Bohème am Vocoder präsentiert („Muddy Funster“) und  die ehemalige Discoqueen Róisín Murphy  in zwei Stücken zur Cyborg-Funk-Diva mutiert. So kann  Pop auch klingen. Wer nach einem Dancefloor-Banger sucht, wird bei „Pick Up“ fündig, und wenn DJ Koze  dann noch die  Stimme  von  José Gonzales  in wattebauschig-luftige  Sounds  bettet und   Bon Ivers Kopfstimme auf die Tanzfläche geschickt wird,  ist man von „Knock Knock“ endgültig  überzeugt.  Dieses rundum glücklich machende,  soulige Album  erscheint auch in einer  Vinyl-Deluxe-Edition, die eine Instrumentalversion der Songs beinhaltet, „weil man so, also ohne Vocals,  die Musik noch mal anders hört“, erklärt DJ Koze.

"Knock Knock" erscheint am 4. Mai via Pampa Records