Cinderellas Schloss ohne Besucher: Das Magic Kingdom in Florida ist eines der großen Probleme, die Disney derzeit zu bewältigen hat.

© REUTERS/Gregg Newton

Kultur
04/22/2020

Disney und die Angst vor dem leeren Geldspeicher

Der Riese startet durch – in eine unerwartete und teure Krise. Die Sparmaßnahmen schädigen auch das Image.

von Philipp Wilhelmer

Wie würde sich Dagobert Duck in der Corona-Krise verhalten? Er würde sofort alle seine Mitarbeiter feuern und sich seine Boni sichern. Die größte Angst der raffgierigen Ente ist ein leerer Geldspeicher – und wie beugt man dem am besten vor?

Mit noch mehr Geld.

Die gefiederte Persiflage auf einen rücksichtlosen Kapitalisten ist eine der berühmtesten Figuren in der Geschichte des Disney-Konzerns. Und im Gegensatz zu Disney kann es Dagobert egal sein, was die Leute denken.

Schnitt auf die Realität:

Es hätte DAS Jahr des Entertainmentgiganten werden sollen. Im Dezember läutete man das Streamingzeitalter ein, die Aktienkurse kletterten auf ein Allzeithoch und CEO Bob Iger verkündete Ende Februar zufrieden seinen Rücktritt. So souverän dieser Entschluss wirkte, so rapide schlitterte man danach bergab. Covid-19 traf Disney härter als vergleichbare Konzerne. Während etwa Comcast und WarnerMedia keine Mitarbeiter in Zwangsurlaub geschickt hat, griff man beim Konzern mit den Mausohren zu harten Maßnahmen: 100.000 Angestellte wurden laut einem Bericht der Financial Times in Zwangsurlaub geschickt – fast die Hälfte aller Disney-Mitarbeiter fällt damit in die öffentliche Versorgung.

Dividendenfrage

Das wäre noch verständlich – denn viele Konzerne greifen zu diesen Mitteln. Sie alle müssen sich aber die moralisch heikle Frage gefallen lassen: Wie hältst du es mit deinen Dividenden? Disneys Antwort ist aus PR-Sicht wenig befriedigend: Im Juli sollen 1,5 Milliarden Dollar an die Shareholder ausgezahlt werden. Das heißt im Umkehrschluss: Der amerikanische Steuerzahler und ohnehin schlecht bezahlte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Zwangsurlaub dürfen das mitfinanzieren.

Auch wenn der Konzern die Krankenversicherung weiterzahlt, ist das ein Imageproblem der Sonderklasse.

Einnahmenseitig bleiben die Probleme noch dazu weiter bestehen: Fast ein Drittel der Disney-Erlöse stammt aus den geschlossenen Themenparks in Amerika, Europa und Asien. Und die Filmproduktion des Konzerns ist trotz der Streaming-Initiative weiter auf große Kinostarts abgestellt. Bei denen werden in wenigen Wochen Millionen zurückverdient, allerdings setzt das offene Kinos voraus. So lange die Corona-Krise wütet, ist das also keine belastbare Geschäftsgrundlage.

Auch im Fernsehbereich tun sich monetäre Abgründe für Disney auf. Der werbefinanzierte Sportsender ESPN kommt von zwei Seiten unter Druck: Massenevents gibt es nicht, und die Werbekundschaft hat wie überall anders in voller Fahrt die Handbremse angezogen.

Neu erstarkter Champion

Und im Streamingbereich sieht sich Disney nun mit einem unerwartet agilen Titelverteidiger konfrontiert, der sich ausschließlich auf die begehrteste aller Dienstleistungen in Shutdownzeiten konzentrieren kann: Heimkino übers Internet.

Netflix hat weder Themenparks noch Kinosäle, die auf die Bilanz drücken, und kann seine Position als neu erstarkter Champion nicht nur verteidigen, sondern seinen großen Herausforderer sogar noch ordentlich demütigen. Die Aktie von Netflix hat in diesem Jahr um über 36 Prozent zugelegt und zuletzt neue Rekordhochs geknackt.

Und mit einem Börsenwert von knapp 195 Milliarden Dollar überholte Netflix jüngst Disney.

Damit ist das Kräfteverhältnis zumindest im Aktienmarkt umgedreht: Im Winter war Disney noch doppelt so viel wert wie Netflix. So schnell kann es gehen.

Mangels neuer Releases fehlt potenziellen Disney+-Kunden auch ein wenig der Anreiz, ein Abo abzuschließen. Zwar lockt man sie mit ausgesprochen guten Aktionspreisen und einem schier endlosen Archiv. Bei Netflix laufen die Neuproduktionen hingegen fast im Wochenrhythmus vom Stapel.

So ändern auch beliebte Produktionen wie die „Star Wars“-Serie „The Mandalorian“ auf Disney+ wenig an der Tatsache, dass Netflix auf absehbare Zeit weiter an der Spitze liegt. Es ist nur allzu verständlich: Während der Marktführer seit über zehn Jahren im Geschäft und in über 190 Ländern vertreten ist, hat die internationale Expansion von Disney+ gerade erst begonnen. Dass sie so holprig werden würde, hatte niemand wissen können. Auch nicht Bob Iger. Der kehrte nun zurück – um den Riesenkonzern Disney zu retten.

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