Emmanuelle Haïm

© /Theater an der Wien/Marianne Rosenstiehl

Musik
09/11/2016

Dirigentin Haïm: "Es braucht Frauen wie mich"

Emmanuelle Haïm ist eine der wenigen Dirigentinnen – und will, dass Mädchen es künftig leichter haben.

von Georg Leyrer

Es ist schon erstaunlich: Immer noch gibt es kaum ein selteneres Bild im Bereich der klassischen Musik als eine Frau am Dirigentenpult eines Orchesters.

Während in den allermeisten Orchestern die Musikerinnen selbstverständlich und ihrer Befähigung entsprechend vertreten sind, ist der Dirigentenjob ein bis auf die allerwenigsten Ausnahmen männlich besetzter. Nur wenige Frauen durchbrechen die gläserne Wand rund um den Dirigentenpult.

Emmanuelle Haïm ist eine davon. Die Französin hat sich in der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts als Dirigentin einen Namen gemacht, ein eigenes Ensemble gegründet und 2011 erstmals auch ein symphonisches Orchester dirigiert.

Kommenden Samstag dirigiert sie im Theater an der Wien nun erstmals in Österreich die Wiener Philharmoniker; vor wenigen Tagen erst debütierte sie in Luzern mit diesem Orchester.

Dem KURIER hat sie im Vorfeld einige Fragen beantwortet – zu subtiler Diskriminierung, notwendiger Pionierarbeit für die Töchter und zur Musik von Georg Friedrich Händel.

KURIER: Was hat Sie ursprünglich daran interessiert, Dirigentin zu werden?

Emmanuelle Haïm:Es war der Wunsch, in der Musik zu sein, im Klang und in Kontakt mit jenen, die diesen erzeugen. Und auch den Wunsch danach, ein bestimmtes Stück zu hören und dafür die richtigen Musiker zu versammeln.

Und die Motivation, ein eigenes Ensemble, Le Concert d’Astreé, zu gründen?

Ich wollte Menschen zusammenbringen, die einen ähnlichen Forschungsstand hatten – und einen nicht-dogmatischen Zugang. Wir haben das Repertoire des 17. und 18. Jahrhunderts befragt, mit und ohne Sänger, Kammermusik, Opern, mit modernen und historischen Inszenierungen. Wir sind immer noch leidenschaftlich in Bezug auf den nicht-sektiererischen Aspekt unserer Arbeit und arbeiten mit Musikhistorikern und interessierten Musikern zusammen.

Was berührt Sie denn an Händels Musik, die Sie nun auch in Wien dirigieren werden?

Händel ist ein so großzügiger Musiker! Sein Genie ist ansteckend. Im Programm, das wir spielen, reisen wir in seinem Schaffen von den frühen Jahren in Italien bis zum königlichen Hofkomponisten. Wir zeigen ihn als Mann, der alle Stile der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zusammenführen konnte.

Wie war denn die erste Zusammenarbeit mit den Wiener Philharmonikern?

Leidenschaftlich. Es ist vielleicht nicht überraschend, mit welcher Qualität und Leidenschaft sie musizieren. Aber es ist schon außergewöhnlich und verblüffend, wie verfeinert und geschmackvoll sie sich auch in einem Repertoire bewegen, das sie nicht so oft spielen. Es ist sicher naiv von mir zu betonen, wie flexibel sie auf Sänger eingehen. Es ist ein Vergnügen!

Sie sind erst die vierte Dirigentin an der Spitze der Wiener Philharmoniker. Hat das bei der Arbeit eine Rolle gespielt?

Überhaupt nicht; ich denke nicht, dass das Orchester damit irgendein Problem gehabt hat.

Warum aber gibt es immer noch so wenige Dirigentinnen?

Ich arbeite in einem Feld, das sich von dem des symphonischen Dirigenten unterscheidet, daher fällt es mir schwer, für alle zu sprechen. Ich bin auch ein Musiker unter den anderen Musikern (Haïm leitet das Konzert vom Cembalo aus, Anm.), mit dem Zusatz, das ich das Projekt für alle vorbereitet habe. Das gibt mir eine ganz andere Beziehung zum Orchester als die eines modernen Dirigenten. Was aber sicher ist: Das Dirigenten-Leben ist sehr arbeitsreich, wie bei jedem in einer Führungsposition. Und schwierig, mit dem Privatleben zu vereinbaren. Das ist vielleicht einer der Gründe.

Haben Sie selbst Diskriminierung erlebt, hatten Sie es in jungen Jahren schwieriger?

Ich würde sagen: Als ich während des Studiums Interesse daran gezeigt habe zu dirigieren, wurde ich von den Lehrern nicht darin bestärkt. Und ich habe mich wahrscheinlich selbst eingebremst, weil ich das gespürt habe. Später aber war mir das egal – und ich habe gemacht, was ich wollte.

Sehen Sie es als Aufgabe, hier Pionierin zu sein? Oder sollte es besser selbstverständlich sein, dass Frauen dirigieren?

Es ist mir bewusst, dass es Frauen wie mich heute braucht, damit unsere Töchter in Zukunft Dirigentinnen werden können, ohne auf unnötige Schwierigkeiten zu stoßen.

Der klassischen Musik geht es nicht in allen Bereichen gut: Vielerorts fehlt Geld oder auch Publikum. Was muss sich ändern?

Ich denke, in unserer heutigen Gesellschaft muss die Lehre für uns alle sein, dass wir unsere Musik teilen müssen – mit denen, die glauben, dass ein Konzertsaal nichts für sie ist. Alle Orchester machen viel Sozial- und Bildungsarbeit. Wir sind alle auch Teil der Gesellschaft, zum Teil Eltern und wollen unsere Verantwortung wahrnehmen. Das wird auch die Zukunft unserer Musik bestimmen.