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Kultur
09/04/2019

Dirigent Fischer zu #MeToo in der Klassik: „Niemand hätte es geglaubt“

Adam Fischer. Der Dirigent über #MeToo in der Klassik, die Politik in Ungarn und seinen 70er (Von Susanne Zobl).

Der Dirigent Adam Fischer feiert am 9. September seinen 70. Geburtstag. An der Wiener Staatsoper hat Fischer rund 400 Vorstellungen dirigiert. An den bedeutendsten Opernhäusern – von der New Yorker Metropolitan Opera bis zur Mailänder Scala – ist er gefragt. In Eisenstadt stand er 29 Jahre mit seiner Österreichisch-Ungarischen Haydn-Philharmonie im Zentrum der Haydn-Tage. Seine Einspielung von Gustav Mahlers 3. Symphonie mit den „Düsseldorfern“ wurde nun mit dem Opus Klassik Preis gekürt. Mit Andreas Oplatka sprach er für dessen Buch, „Die ganze Welt ist ein Orchester“, (Zsolnay, € 25,70) über sein Leben.

KURIER: Am Ende ihrer Biografie sind Sie mit dem Satz zitiert: „Ich habe Angst vor mir selbst.“ Wie ist das zu verstehen?

Adam Fischer: Das ist ein Zitat von Charlie Chaplin aus „Der große Diktator“ und natürlich ironisch gemeint. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, fühlte ich mich in solchen Sphären angelangt, wo man Höhenangst bekommen kann. Je älter ich werde, desto mehr verstehe ich, dass die Aufgabe des Dirigenten sehr komplex ist. Es geht nicht darum, jeden Orchestermusiker zu kontrollieren, sondern zu verstehen und ihm das zu bieten, was er braucht. Theoretisch müsste ich jeden einzelnen anders behandeln. Bis zu einem gewissen Grad schaffe ich das auch. Und wenn ein Sänger nicht so gut singt oder ein Musiker nicht so gut spielt, ist der Dirigent mit Schuld.

Wie sehen Sie Ihr Verhältnis zu den Wiener Philharmonikern?

Ich habe mit einigen aus dem Orchester studiert. Aber das Leben ist manchmal ungerecht. Ich bin noch aktiv, die meisten meiner Studienkollegen wie Rainer Küchl sind schon in Pension. Die Tradition wird weitergetragen, und ich musiziere mit allen Generationen der „Wiener“ immer sehr gerne, ganz besonders Mozart. Das ist ihre Musik. Und die Wiener Staatsoper ist das Opernhaus für mich.

Sie sind Ehrenmitglied.

Das bedeutet mir sehr viel. Mein Vater wäre selig gewesen, wenn er das gewusst hätte.

Gibt es schon Pläne mit dem künftigen Direktor Bogdan Rošcic?

In der ersten Saison der neuen Direktion werde ich Mozart und Wagner dirigieren. Darüber hinaus werde ich für mein Stammhaus und das Wiener Publikum immer gerne Zeit finden, wenn man mich fragt.

Sie sind ein harter Kritiker des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban. Stimmt es, dass Sie seinetwegen Ihren Posten als Generalmusikdirektor der Budapester Oper zurückgelegt haben?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel, weshalb. Eine Sängerin sagte zum Operndirektor. „Wenn du meinen Sohn nicht engagierst, gehe ich zum Ministerpräsidenten, und du verlierst deinen Job.“ Der Operndirektor wollte mich daraufhin überreden, diesen Klarinettisten anzustellen. Das wäre aber auch unter einer sozialistischen Regierung nicht anders gewesen. Wo so eine Mentalität herrscht, kann ich nicht kreativ arbeiten. Orban hat diese ausgenutzt. Heute gebe ich meinem Vater recht, der sagte, in Ungarn werde es nie eine Demokratie geben.

Warum ist das so?

Mein Vater sagte, Ungarn sei immer ein feudalistisches Land gewesen. Der Liberalismus habe sich dort nie wirklich etabliert. Die Obrigkeit sei etwas von Gott Gegebenes. Und die Ungarn leben in ihrer eigenen Welt. 95 Prozent sprechen keine Fremdsprache. Und ich war entsetzt, als ich hörte, dass die meisten Roma Orban wählen, weil sie glauben, dass ihnen die Migranten die Sozialhilfe wegnehmen.

Wie wichtig ist Ihnen Regie?

Mein Problem ist, dass ich zu sehr von Inszenierungen abhänge. Ich glaube nämlich nicht, dass man die Musik unabhängig vom Geschehen auf der Bühne dirigieren kann. Emotionen, die in der Musik ausgedrückt sind, müssen auch vom Regisseur so umgesetzt werden. Ansonsten geht es mir gegen den Strich. Der Erste, der sich von einer unsinnigen Idee abbringen ließ, war Woody Allen an der Scala. In Allens Inszenierung von Puccinis „Gianni Schicci“ in Los Angeles hingegen war vorgesehen, dass die Titelfigur am Ende von einer verprellten Verwandten erstochen wird. Das wäre eine andere Geschichte gewesen. Aber für die Amerikaner ist es wichtig, dass der Schuldige bestraft wird.

In Amerika reicht heute schon die Beschuldigung, um jemanden zumindest gesellschaftlich zu bestrafen, wie die #MeToo-Debatte auch am Beispiel von Woody Allen zeigt. Was sagen Sie dazu, dass #MeToo den Klassikbetrieb erreicht hat?

Schon vor vierzig Jahren hat man gewusst, dass man als junger Mann nicht allein in das Zimmer von James Levine gehen sollte. Ich habe auch so etwas erlebt. Ich nenne keine Namen, aber ein pensionierter Intendant hat mich einmal in sein Büro geholt und mich begrapscht. Und als Zehnjähriger passierte mir etwas Ähnliches in einem Aufzug. Das habe ich sofort meinen Eltern erzählt. Die wollten den Täter verklagen.

Verstehen Sie, dass die meisten Opfer jahrelang geschwiegen haben?

Ja und Nein. Früher war es unmöglich, sich zu beschweren. Niemand hätte einem geglaubt.

Würden Sie heute als Jugendlicher diesen Intendanten verklagen?

Das weiß ich nicht. Aber ich glaube, er würde das heute nicht mehr machen, weil sich die Zeiten geändert haben. Aber er hat mir auch nicht mit Jobverlust gedroht. Dieses Verhalten war damals nicht unüblich. Das kann man nicht mit heutigen Maßstäben beurteilen. Ich habe mich als junger Dirigent auch durch die Arbeit in fast jede Sängerin verliebt. Aber das ist gefährlich. Man kann oft nicht sagen, wo die Abhängigkeit anfängt und die gegenseitige Zuneigung aufhört.

Gibt der 70. Geburtstag Anlass für weitere Pläne?

Ich möchte Haydns 103. Symphonie noch besser machen. Und ich beginne jetzt einen Brahms-Zyklus in Düsseldorf und in Kopenhagen. Brahms muss gemacht werden, wie ein Traum, den man nicht vermitteln kann. Und meiner dreijährigen Enkelin habe ich versprochen, dass sie mit mir die Kerzen auf meiner Torte auspusten darf.