Die Elefantendame (rechts) erzählt die Geschichte von Mowgli, der zerrissen ist zwischen dem Dschungel und der Zivilisation

© © Lucie Jansch

Kritik
09/27/2020

Wilsons "Dschungelbuch": Die zivilisierte Welt – eine Halde mit Computerschrott

Das Festspielhaus St. Pölten präsentiert Robert Wilsons mahnendes „Dschungelbuch“ - noch heute, Sonntag, um 16 Uhr

von Thomas Trenkler

Nach „Peter Pan“ und „Alice im Wunderland“, nach „The Black Rider“ (beziehungsweise „Freischütz“) und der „Edda“ war es nur eine Frage der Zeit, bis sich Robert Wilson auch dem „Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling annehmen würde. Und zum bereits vierten Mal arbeitete er mit dem Musikerinnen-Duo CocoRosie zusammen: Im Auftrag des Théâtre de la Ville in Paris entstand, wie zahlreiche Male davor mit Lou Reed, Tom Waits, David Byrne oder Herbert Grönemeyer, ein Musical abseits des Mainstreams, ein hoch artifizielles, dennoch eingängiges und einnehmendes Musiktheaterspektakel.

Die Uraufführung von „Jungle Book“ fand vor eineinhalb Jahren statt. Eigentlich hätte man sich ein Gastspiel bei den Wiener Festwochen erwarten dürfen. Im Mai 2019 hatte das Festival ja auch Robert Wilsons grandiose Umsetzung von „Mary Said What She Said“ präsentiert – mit einer atemberaubenden Isabelle Huppert, die als Maria Stuart über den unsäglichen Text von Darryl Pinckney hinwegtröstete.

Aber das Festspielhaus St. Pölten stieg als Co-Produzent ein. Und Brigitte Fürle, der Intendantin, gelang es tatsächlich, ihren bereits in Lockdown-Zeiten verkündeten Plan zu realisieren. Mit Wilsons „Jungle Book“ in der Originalfassung wurde am Samstag das Haus nach sechsmonatiger Schließzeit wiedereröffnet: Songs in Englisch, Texte in Französisch, Übertitelung schwer lesbar.

Das beinhart durchgezogene Sicherheitskonzept vermochte zu überzeugen, auch wenn man ein wenig übers Ziel schoss. Denn es gab, um jeden Kontakt zu vermeiden, nicht einmal ein Programmheft zu kaufen. Und dass zur genau gleichen Zeit im Landestheater eine Premiere stattfand, kann man nur als Schildbürgerinnenstreich bezeichnen.

Mondäne Pantherin

Aber Robert Wilson erfüllte in knapp 90 Minuten (ohne Pause) alle Erwartungen. In seiner Version, die natürlich viel näher an Kipling ist als der Zeichentrickfilm von Walt Disney, fungiert eine Elefantendame im Schaukelstuhl als Erzählerin – u. a. auch der Geschichte des Robbenbabys Kotik.

Zu Beginn stellt sie nach der Reihe alle Tiere vor, darunter Baloo, den fröhlichen Teddybären im Karoanzug, die mondäne Pantherin Bagheera und die Wölfe, die den von Tiger Shere Khan entführten Mowgli aufziehen.

Die insgesamt neun Akteure, von Jacques Reynaud charakterstark ausstaffiert, bewegen sich, als seien sie Marionetten und verharren, dem Publikum zugewandt, in Hampelmann-Posen.

Dann wieder wirkt das Ganze wie ein Schattenspiel. Wilson arbeitet mit simplen, althergebrachten Theatertricks, aber unglaublich präzise. Und er arbeitet – wie eigentlich immer – mit starken Farben, harten Kontrasten, schnellen Wechseln und nur wenigen, ganz bewusst eingesetzten Requisiten. Er sorgt für feine Verfremdungseffekte und übt Kritik nicht nur am Kolonialismus, sondern auch an der übertechnisierten Zivilisation.

Das gelbe Verkehrsschild „Dead End“ über der Szenerie darf man als Warnung verstehen. Und das leuchtende „Exit“ als wohlmeinenden Hinweis: Mowgli versucht es unter Seinesgleichen, kehrt aber in den Dschungel zurück. Was von den Menschen bleibt, ist grau flimmernder Computerschrott.

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