Kultur
26.03.2018

Die Wiener Staatsoper zeigt Gottfried von Einems "Dantons Tod"

Die Neuproduktion des Frühwerks nach dem Drama von Georg Büchner überzeugt in der Regie von Josef Ernst Köpplinger

Im Theater an der Wien hält noch bis 28. März die „Alte Dame“ mit ihrer Entourage Hof und fordert von den Einwohnern Güllens in Keith Warners packender Inszenierung den Kopf des Alfred Ill. Köpfe rollen seit diesem Wochenende aber auch an der Wiener Staatsoper, wo der Revolutionär Danton und seine Mitstreiter ein Ende unter der Guillotine finden.

Ja, im Jubiläumsjahr (die Wiederkehr des 100. Geburtstages) ist der österreichische Komponist Gottfried von Einem endlich wieder auf heimischen Bühnen präsent. Staatsoper und Theater an der Wien bieten sogar Kombitickets an, um möglichst vielen Menschen den 1996 verstorbenen Komponisten näherzubringen. Und – das lässt sich nach beiden Premieren sagen – Opernfreunde sollten sich diese Chance nicht entgehen lassen.

Denn Meisterwerke sind sie beide, der 1971 uraufgeführte „Besuch der alten Da me) (Libretto: Friedrich Dürrenmatt) und das 1947 uraufgeführte Revolutionsdrama „Dantons Tod“ (nach Georg Büchner, Libretto: Boris Blacher und Von Einem). Sehen wie hören lassen können sich beide Produktionen.

Historisierend

Womit wir endgültig im Haus am Ring und in der Zeit der Französischen Revolution wären. Denn Regisseur Josef Ernst Köpplinger hat erst gar nicht versucht, „Dantons Tod“ in andere Gefilde zu verlegen. Er konzentriert sich in seiner exzellent gearbeiteten (was für eine Personenführung!) Adaption auf das Verhältnis zwischen Individuum und Mob, auf den emotionalen Spagat zwischen Fanatismus und Fatalismus.

Rainer Sinell hat ihm dazu eine Art „Endzeitraum“, einen Trichter, ja vielleicht auch einen Stall für die Kreatur Mensch geschaffen, in dem allerlei Requisiten herumliegen. Kurze, sichtbare Umgruppierungen einzelner Gegenstände – schon ist ein neuer „Spielort“ geschaffen.

Blutgierig

Das ist in sich schlüssig, appelliert an die Fantasie und passt zu den historischen Kostümen von Alfred Mayerhofer. Vor allem aber macht Josef Ernst Köpplinger die Masse (sehr gut der Chor der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Martin Schebesta) zum Hauptprotagonisten. Je nach aktueller Lust und Laune des Mobs entscheiden sich hier die Schicksale über Leben und Tod. Der Wankelmut der geifernden nach Blut gierenden Horden findet szenisch seine Entsprechung.

Das Schafott selbst spart Köpplinger aber aus. Nicht der Akt des Tötens ist die Tragödie, sondern der Weg bis dahin. Fatalismus pur.

Viel Bewegung also auf der Bühne; viel Action auch im Graben. Denn hier waltet mit der finnischen Dirigentin Susanna Mälkki eine absolute Spezialistin für das Repertoire des 20. und 21. Jahrhunderts ihres Amtes. Gemeinsam mit dem (nach einer Tournee endlich auch wieder philharmonisch besetztem) Staatsopernorchester bringt Mälkki Von Einems Musiksprache gut zum Klingen. Mächtige, aber nicht zu mächtige Ausbrüche hier, zarte, intimen Szenen dort und ein bewusstes Verweisen auf musikalische Zitate prägen das Dirigat der Staatsoperndebütantin. Und sängerfreundlich ist das Ganze über weite Strecken auch.

Resignierend

Die Sänger wissen dies weitgehend zu nützen. An der Spitze natürlich Wolfgang Koch als Danton, der seinen durchschlagskräftigen Bariton nicht nur in den Dienst flammender, emotionaler Brandreden stellt, der auch die Resignation, die Desillusionierung eines Mörders hör- und sichtbar macht. Dass Koch vokal hin und wieder ein bisschen mit der fordernden Partie zu kämpfen hat, sei geschenkt. Das Gesamt-Porträt passt einfach.

Ähnliches gilt auch für die Lucile von Olga Bezsmertna, die mit ihrem schönen, vibratoarmen Sopran souverän dem Wahnsinn verfällt. Als ihr Mann Camille Desmoulins philosophiert der Tenor Herbert Lippert elegant und höchst irdisch über Leben und Tod; als fein-unsympathischer, etwas outrierender Robespierre hat Tenor Thomas Ebenstein auch einen Moment tiefster, verletzter Einsamkeit. Als Saint-Just fällt Ayk Martirossian nicht besonders auf; Wolfgang Bankl, Clemens Unterreiner und Jörg Scheider füllen ihre Rollen (wie auch das übrige Ensemble) sicher aus.

Die Staatsoper hat somit einen „Danton“, der auf lange Sicht gut spielbar ist. Bleibt nur zu hoffen, dass dies auch weiterhin geschieht.