Kultur 07.12.2011

Die Walsche - Von Joseph Zoderer

© Bild: ORF

Ablehnung, Misstrauen und Hass zwischen den Bewohnern eines Gebirgsdorfes stehen im Zentrum des behutsam geschriebenen Romans von Joseph Zoderer.

Liest man den kurzen Roman "Die Walsche" ohne Vorkenntnis, als Zufallskauf im Antiquariat oder als Fund in einer Leihbibliothek, man würde das Buch in den 1950er-Jahren ansiedeln: Die Sprache ist kristallklar und kunstvoll, scheint aber aus dieser Zeit zu stammen. Und auch der Grundkonflikt - Ablehnung, Misstrauen und Hass in einem Gebirgsdorf zwischen deutschsprachigen Südtirolern und Italienern - mutet als längst überwunden an. Dann würde man im Impressum überrascht 1982 als Erscheinungsjahr entdecken, und - nach ein wenig Recherche - erstaunt über den heftigen Streit sein, den das Buch vor allem in Italien und in Österreich auslöste. Zoderer hat mit seinem Roman "Die Walsche" ein Schlüsselwerk zu einem Thema geschrieben, das gerade heute, in Zeiten der Globalisierung aktuell geblieben ist: Diskriminierung und Fremdenhass - verbunden mit der Frage nach Identität und nach Heimat.

"Ein Rückgrat hatte er schon gehabt, aber damit es mit den Jahren nicht brach, hatte auch er es gekrümmt, wie die meisten."
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Schauplatz ist ein kleiner Ort in Südtirol. Die 35-jährige Olga kehrt nach Jahren zurück in ihr Heimatdorf - den Vater gilt es zu beerdigen, den Schulmeister, der sich zu Tode getrunken hat. Olga wird fast von allen Dorfbewohnern geschnitten, denn sie ist "die Walsche", die unten im Tal in der großen Stadt, zusammen mit ihrem italienischen Freund, ein Café betreibt. Drei Tage lang - von der Aufbahrung bis zur Beerdigung - setzt sich Olga den feindlichen Blicken, aber auch ihren eigenen Erinnerungen aus. Verlogenheit und Trunksucht ihres Vaters, Olgas Flucht mit der Mutter hinunter in die Stadt, aber auch ihr Zusammenleben mit Silvano kreisen unablässig in ihren Gedanken. Denn ihre Partnerschaft entpuppt sich ebenfalls als unehrlich und schwierig: Olga spielt auch für Silvano nur eine Rolle, sie steht zwischen den beiden Kulturen, fühlt sich weder oben im Dorf noch in Silvanos städtischer Clique wirklich zu Hause.
Eine Lösung bietet Joseph Zoderer nicht - er führt uns nur behutsam in die Gedankenwelt seiner Heldin, schildert fast distanziert dieses zerrissene Leben. Wie nebenbei demontiert der Autor außerdem die Gebirgsidylle, dieser "Erdäpfel- und Krautkopfwelt", schildert den Niedergang der alten Welt, den verlogenen Wiederaufbau traditioneller Hausfassaden als Fangfalle für Touristen. Olga erwartet keine Versöhnung mit ihrer Vergangenheit, und sie erreicht sie auch nicht. Aber sie erkennt, dass in diesem Dorf zwar ihre Wurzeln sind, aber nicht ihre Zukunft liegt - wie immer diese aussehen mag.

Der heute 76-jährige Joseph Zoderer hat ähnliche Erfahrungen gemacht, ein Großteil seiner Texte beschäftigt sich mit ähnlichen Identitätskrisen. Der 1935 in Meran geborene Schriftsteller nannte sich selbst einmal einen "deutschsprachigen Autor mit österreichischer kultureller Prägung und italienischem Pass". Er studierte in Wien, arbeitete als Journalist für den KURIER und die Kronen Zeitung . Heute lebt er im Pustertal, ist Mitglied der Grazer Autorenversammlung und Ehrenbürger der Universität Innsbruck. Sein neuester Roman, "Die Farben der Grausamkeit", erschien 2011 - und auch hier pendelt der Protagonist Richard zwischen den beiden Welten: Einsamkeit eines Bergdorfes und Hektik der Großstadt. "Die Walsche" erreichte in Italien - unter dem freundlicheren, weil wertneutralen Titel "L`Italiana" - Bestsellerstatus. Die Verfilmung von 1986 durch Werner Masten trug ihm und Zoderer, der das Drehbuch schrieb, den Fernsehpreis der deutschen Akademie der Darstellenden Künste ein. "Die Walsche" bleibt bis heute Zoderers bekanntestes und vielleicht wichtigstes Buch - berührend, bekennend und dabei den Leser dazu bringend, seinen Blick auch auf sich selbst zu richten.

Erstellt am 07.12.2011