© Werner Rosenberger

Kultur
05/24/2021

Architekturspaziergang zur Villa Pick. Ein Juwel, neu entdeckt

Die Bewohner waren ein reisefreudiger Industrieller, ein Journalist, der Zeitungsgeschichte schrieb, und ein Nazi

Eine imposante Immobilie hinter Schmiedeeisengittertor in Döblinger Bestlage. Ein Palais, in barock-klassizistische Formen gegliedert, mit viel Prunk und Stuck und Marmor ausgestattet.

Vom Architekten-Duo Ernst Spielmann und Alfred Teller 1923 erbaut, war die Adresse Hartäckerstraße 18 in den 50er-Jahren Sitz des amerikanischen European Recovery Program (ERP) in Österreich, zuletzt Residenz des irischen Botschafters.

Die Cottage-Villa , bis vor kurzem um kolportierte 12 Millionen Euro auf dem Markt, hatte schon vorher interessante Bewohner.

Reise nach Djibouti

Der Industrielle Emil Gerhard Pick (1862-1928) besitzt die mit einer Kapazität von 93.000 Spindeln und 600 Arbeitern größte Baumwollspinnerei der Monarchie und produziert vor allem feinste Garne. Ungewöhnlich für einen Mann in seiner Position, unternimmt Pick mit dem Afrikaforscher Friedrich J. Bieber (1873-1924) Fernreisen, u. a. 1909 eine Expedition durch Äthiopien an den Weißen Nil und den Sudan und schreibt zwei Bücher: „Djibouti und Harare, Abessinische Reiseberichte“ (1909) und „Reisebriefe eines österreichischen Großindustriellen aus Abessinien, Indien und Ostasien“ (1911).

Die Wiener Adressbücher, der „Lehmann“, verzeichnet 1929/’30 in der Hartäckerstraße 18 erstmals Leopold Lipschütz (1870-1939). Der Journalist und Schriftsteller, ab 1892 bei der Presse, dann in der von Gustav Davis herausgegebenen Reichswehr, kam zur 1899 ebenfalls von Davis gegründeten Illustrierten Kronen-Zeitung. Ursprünglich nur als kleine Ausgabe der Reichswehr geplant, überflügelte sie diese rasch – als Erfolg der Idee, eine Volkszeitung im Kleinformat um den Preis einer Semmel für die breite Masse zu schaffen.

An ihrem Aufbau und Aufschwung maßgeblich beteiligt war Lipschütz als Chefredakteur und späterer Miteigentümer. Er pushte die Auflage bis 1938 auf damals enorme 220.000 Exemplare wochentags und 300.000 sonntags.

Lipschütz, 1926 bis 1938 Präsident der „Concordia“, ab 1936 Vizepräsident der österreichischen Pressekammer. flüchtete 1938 nach Frankreich, wo er mit seiner Frau am 25. Jänner 1939 in Nizza Selbstmord beging.

„Schieber und Übernazi“

Gustav Davis führte die Kronen Zeitung durch den Ersten Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie, durch die Erste Republik und den Ständestaat bis zum Einmarsch der deutschen Truppen im März 1938, als er vom NS-Regime enteignet wurde.

1945 fand eine Rückstellung der „G. Davis & Co. KG“ statt. Und die Titelrechte wurden von den Erben an Hans Dichand verkauft.

Nutznießer nach der Arisierung der Villa in Döbling war Friedrich Bohnenberger, der neben der Buchhandlung seines Stuttgarter Verlages in der Garnisongasse 3 mit seiner Frau auch arisierte Geschäfte für Damenbekleitung hatte: das „Elegance“, Kärntner Straße 32, sowie auf der Mariahilfer Straße 74 und in der Rotenturmstraße 19.

Die Österreichische Volksstimme nannte Bohnenberger am 7. 10. 1945 einen „reichsdeutschen Großschieber und Übernazi“. Das Salzburger Tagblatt berichtete im Jänner 1946 unter dem Titel „Naziverbrecher – enthaftet“, dass Bohnenberger noch immer offen prahlte, bereits 1931 Hitler in Weimar im Hotel „Elefant“ getroffen und in der Verbotszeit in Österreich große Mengen nationalsozialistischer Propagandawerke abgesetzt zu haben. Trotzdem wurde er nach kurzer Haft entlassen, da ihm nicht nachzuweisen war, in der NS-Zeit zwei Freiheitskämpfer angezeigt zu haben, von denen einer hingerichtet wurde.

Dass der Reichsdeutsche die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen bekam, kostete den Landeshauptmann von Salzburg sein Amt, schrieb der Wiener KURIER am 1. 12. 1947. Auch gegen den von Bohnenberger bestochenen ehemaligen Ersten Staatsanwalt Paul Pastrovich wurde ein Verfahren eingeleitet. Es endete mit einer Verurteilung und Kerkerstrafe.

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