Kultur
02.10.2017

Die Tristesse der berührten Natur

Die Schau "Naturgeschichten" offenbart kritische Blicke auf Wald und Wiese – und misstraut jeglichem Reiz.

"Unberührte Natur" – bei der Formulierung verdreht der von Kunst und Theorie gestählte Mensch schon die Augen. Ist doch das, was wir an Natur zu sehen bekommen, meist eine konstruierte Idylle. Selbst wenn wir bloß Wälder und Berge vor uns haben, müssen wir uns fragen, wer die Straße zum Aussichtspunkt gebaut hat: Ist der Blick auf die Natur denn nicht einer des Begehrens, auf den meist Unterwerfung und Eroberung folgt?

Rote Pille

In der mumok-Schau "Naturgeschichten – Spuren des Politischen" fühlt man sich bisweilen wie der Protagonist aus den Matrix-Filmen, der nach Einnahme einer roten Pille die Welt hinter der Simulation zu sehen bekommt: Das Idyllische wird in seiner Falschheit schwer zu ertragen, doch aus der tristen Welt des "Wahren" gibt es auch keinen Ausgang mehr.

Die von Kurator Rainer Fuchs gestaltete Schau verbindet kritische Werke aus jüngster Zeit mit solchen der neueren Kunstgeschichte: Die Aufarbeitung des Kolonialismus und der Vereinnahmung der Natur durch totalitäre Systeme nahm in den 1960er Jahren Fahrt auf und dauert bis heute an.

So kommt es, dass gleich ein ganzes Kapitel dem Komplex "Holocaust, Völkermord, Flucht und Widerstand" gewidmet ist. Bedrückend sind hier die Fotos von Tatiana Lecomte (2005), die herbstliche Ansichten eines Teichs zeigen, an der Horizontlinie aber einen schwarzen Balken aufweisen: Es sind Ansichten jenes Gewässers, in dem Asche aus Krematorien des Vernichtungslagers Auschwitz "entsorgt" wurde.

Christian Kosmas Mayer arbeitete sich ebenso an der NS-Zeit ab und verfolgte den Weg einer deutschen Eiche, die 1936 bei den olympischen Spielen Berlin an den afroamerikanischen Springer Cornelius Johnson überreicht wurde. Der Sportler pflanzte den Baum in seinem Garten in Los Angeles, wo er noch heute – inmitten eines multikulturellen Bezirks – steht.

Wintergarten-Blues

Die "Spuren des Politischen" führen aber auch anderswo hin – etwa zum "Wintergarten" des Belgiers Marcel Broodthaers, einer erstmals 1974 realisierten Installation aus Topfpflanzen, Filmen und Druckgrafiken der Kolonialzeit. Oder zu den Fotos von Margherita Spiluttini und Candida Höfer, die die "Domestizierung" des Exotischen zeigen.

In den an der Natur geschulten, doch abstrakten Werken der Künstlergruppen "Sigma" ( Rumänien) wiederum zeigt sich die Beschäftigung mit Umwelt als Möglichkeit, Kunst unter dem Radar eines totalitären Regimes zu schaffen.

Es ist eine scharfsinnige, in ihrer desillusionierten Haltung aber schwer verdauliche Ausstellung: Eine Dramaturgie im Ausstellungsraum, die auf das nächste und übernächste Exponat neugierig machen würde, ist kaum zu erkennen, weniges nimmt ästhetisch gefangen – eine Ausnahme ist die tolle Installation über den Niedergang der Almwirtschaft, die die Künstlerin Ingeborg Strobl noch kurz vor ihrem Tod vollendete und dem Museum vermachte. Sonst aber hat das Misstrauen der Kunst gegenüber ihren ästhetischen Möglichkeiten – nennen wir es "morbus documenta" – das mumok fest im Griff.