© Burgtheater/Marcella Ruiz Cruz

Kritik
12/19/2021

„Die Schwerkraft“ am Akademietheater: Die langen Schatten des Krieges

„Die Schwerkraft der Verhältnisse“, eine Dramatisierung des Romans von Marianne Fritz: Uraufführung im Akademietheater

von Gert Korentschnig

Zunächst zur Autorin, die ja die wenigsten kennen, auch weil sie sich zeitlebens der Öffentlichkeit verweigerte: Marianne Fritz, geboren 1948 (Weiz), gestorben 2007 (Wien), gilt Kennern als große, äußerst komplexe Erzählerin, die sich in ihren Werken immer wieder mit österreichischer Geschichte auseinandergesetzt hat. Für ihren Debütroman „Die Schwerkraft der Verhältnisse“, 1978 erschienen, wurde sie mit dem Robert-Walser-Preis ausgezeichnet.

Eben diesen hat Bastian Kraft für die Bühne bearbeitet und nun im Akademietheater in eigener Inszenierung zur Uraufführung gebracht: eine Medea-Geschichte in der Nachkriegszeit. Berta wird vom Soldaten Rudolf schwanger, ehe dieser in den Krieg zieht und fällt. Danach nimmt dessen Freund und Kamerad Wilhelm den Platz an ihrer Seite ein, Berta bekommt auch von ihm ein Kind, scheitert an der „Schwerkraft der Verhältnisse“, bringt ihre Kinder um und endet in der Irrenanstalt.

Mindestens so sehr geht es in diesem Stück aber um große Träume der Wiederaufbau-Generation, um kleines Bürgertum, um Spießigkeit, um ein Land, das sich erst wieder finden muss nach der Tragödie.

Schaubuch

Nun empfiehlt es sich ja stets, auch im Zeitalter der Dramatisierungen, Romane lieber zu lesen. Bastian Kraft schafft jedoch eine fabelhafte Fassung und eine ebensolche szenische Umsetzung. Die Schauspieler changieren zwischen ihren Rollen und jenen als Erzähler, womit Roman und Dialoge miteinander verschmelzen. Auf der Bühne sieht man nicht nur die Protagonisten, sondern auch deren auf einen weißen Vorhang projizierte riesige Schatten, in Traumsequenzen überlagern einander Livegeschehen und Videos (von Jonas Link). Das ergibt gleichzeitig eine Abstraktion und eine Verdichtung – und einen visuell höchst innovativen Theaterabend. Der Roman wird hier zum Schaubuch. Genial der Mittelteil, in dem sich Berta und Wilhelm nur kletternd und kriechend wie in einem aufgeklappten Bilderbuch durch ihre winzige Wohnung bewegen können (Bühne: Peter Baur).

Katharina Lorenz ist die höchst intensive, völlig in sich zurückgezogene, innerlich leidende Berta. Markus Meyer zeichnet als Wilhelm glaubhaft das Bild eines obrigkeitshörigen Nachkriegs-Spießers, Stefanie Dvorak als seine neue Frau Wilhelmine das Wiener Mädl und Nils Strunk (als Rudolf) famos den Einzigen, der noch Leidenschaft besitzt. Barbara Petritsch irrlichtert als weises Mütterchen durch den Abend.

Nils Strunk begleitet den Abend auch musikalisch am Keyboard und spielt Johann Strauß – ein Theaterabend als Antithese zum Neujahrskonzert: keine Flucht, sondern hinschauen, wo es wehtut.gert korentschnig

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