Hollywood feiert sich selbst bei der 92. Oscar-Preisverleihung

© EPA/ETIENNE LAURENT

Oscar-Gala
02/10/2020

Die Preisträger und ihre Reden: Danke, Mama

Standing Ovations für Eminem und Martin Scorsese, strenge Worte von Joaquin Phoenix und ein Gedicht.

von Alexandra Seibel

Alleine vor dem Fernseher ist die Oscar-Sause nur bedingt unterhaltsam. Vor allem dann, wenn sie um zwei Uhr morgens stattfindet. Der Ton läuft leise, damit die Restfamilie nicht aufwacht. Da heißt es Ohren spitzen, um auch ja die deutsch-englischen ORF-Tonspuren alle richtig zu verstehen.Die gesammelten Dankesreden entfallen unterschiedlich inspiriert. Auffallend oft wird den Müttern gedankt.

Taika Waititi, unvergesslich als neurotischer Hitler in seiner Satire „Jojo Rabbit“, hat offenbar mit keinem Preis gerechnet. Verblüfft nimmt er einen Oscar für „Bestes adaptiertes Drehbuch“ entgegen und bedankt sich bei seiner Mutter – und dafür, dass sie seine Mutter ist.Auch Laura Dern gedenkt ihrer Eltern, den legendären Schauspielern Bruce Dern und Diane Ladd. Letztere sitzt im Publikum und weint vor Rührung. Greta Gerwig, Regisseurin von „Little Women“, weint gleich mit.

 

Etwas kritischer steht die Comedian Olivia Coleman dem Thema Mutterschaft gegenüber: „Als ich letztes Jahr den Oscar gewann, war dies die schönste Nacht im Leben meines Mannes“, berichtet die Britin, bevor sie mit schiefem Grinsen hinzufügt: „Und ich habe drei Kinder geboren.“

Richtig Schwung in die Bude kommt vor der Preisvergabe für besten Tonschnitt: Eminem liefert einen echten Überraschungsauftritt. Er rappt den Song „Lose Yourself“ aus seinem Film „8 Mile“, für den er 2003 den Oscar erhalten hat. Das Gala-Publikum rutscht beschwingt auf seinen Sesseln hin- und her, viele können jedes einzelne Wort mitsingen; am Schluss gibt’s Standing Ovations für Eminem.

Nur Martin Scorsese macht ein etwas gequältes Gesicht.

Noch weiß er es nicht, aber er wird für seinen Netflix-Film „The Irishman“ keinen einzigen Preis gewinnen. An seiner Stelle räumt der südkoreanische Regisseur Bong Joon-ho vier Gold-Statuetten ab, einen in der Kategorie Beste Regie. Er wünschte, es hätte eine Kettensäge und könnte den Oscar in fünf Teile teilen, sagt der sichtlich erschütterte Bong in seiner Dankesrede, die in einer Huldigung für seine enttäuschten Kollegen ausartet.

Liebeserklärung

Sein Handwerk habe er beim Studium der Filme von Scorsese gelernt, bekennt Bong – und initiiert damit Standing Ovations für Scorsese, einen der Verlierer des Abends.

Auch Tarantino wird von Bong gedankt und erhält eine kräftige Liebeserklärung.

Bei praktisch niemandem bedankt sich Joaquin Phoenix. Grimmig nimmt er seinen (ersten) Oscar für Bester Hauptdarsteller entgegen, den er sich als Killer-Clown in Todd Phillips’ „Joker“ schwer verdient hat.

Joaquin Phoenix ist Veganer, tritt vehement für Tierrechte und Klimaschutz ein und warnt vor den fatalen Folgen menschlichen Handelns. Dabei nimmt er sich selbst in seiner Kritik nicht aus und dankt jenen, die ihm, der oft „schwierig in der Zusammenarbeit war“, eine zweite Chance gegeben haben. Zuletzt zitiert er mit erstickter Stimme seinen früh verstorbenen Bruder River Phoenix mit einer zarten Gedichtzeile: „Eile zu Hilfe mit Liebe, und Friede wird folgen.“

Spätestens da bleibt kein Auge mehr trocken.