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Glaubensgefängnis
09/01/2013

Die Menschenfänger von Scientology

Wie Hollywoodstars von Scientology instrumentalisiert werden.

von Barbara Mader

Die Erde ist von Außerirdischen vom Planeten Psychlo beherrscht, die einen großen Teil der Menschheit versklavt haben. Jonnie Goodboy will die Wahrheit über dämonischen Aliens herausfinden.

Was so beginnt, kann nur der Plot eines der schlechtesten Filme aller Zeiten sein. Und tatsächlich: „Battlefield Earth“ wurde als solcher 2000 mit acht Goldenen Himbeeren ausgezeichnet.

Das Machwerk ist die Verfilmung des Romans „Kampf um die Erde“ von Autor und Scientology-Gründer L. Ron Hubbard. Hauptdarsteller John Travolta, seit 38 Jahren Scientology-Mitglied, wollte das Buch längst verfilmen, doch erst nach seinem Erfolg mit „Pulp Fiction“ gelang es ihm, Produzenten dafür zu finden. Noch bevor der Film derart negativ preisgekrönt wurde, beeilte sich Travolta, zu präzisieren, dass der Film nicht durch die Lehren Scientologys inspiriert sei. Ob man das glauben will oder nicht: Im Umgang mit der Organisation, deren Religionscharakter und Methoden in Europa (im Gegensatz zu den USA) äußerst umstritten sind, ist Vorsicht immer angebracht.

Der amerikanische Journalist und Pulitzerpreisträger Lawrence Wright (The New Yorker) hat nun ein materialreiches Buch über Scientology und Hollywood vorgelegt. Auf den Beistand von Juristen konnte er dabei nicht verzichten. Auch die Anwälte der Personen, um die es in diesem heiklen Buch geht, kommen reichlich oft zu Wort.

Tom Cruise etwa, um das wohl prominenteste Aushängeschild der Religionsgemeinschaft zu nennen.

Wright beschreibt in seinem umfangreichen Kompendium „Das Gefängnis des Glaubens“, warum die Organisation, die ihre Mitgliederzahl inoffiziell mit weltweit acht Millionen angibt, gerade in Hollywood so erfolgreich ist und sich, obwohl immer wieder von Skandalen erschüttert, mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Tod des geheimnisvollen Stifters L. Ron Hubbard weiterhin guter Gesundheit erfreut. Das hat unter anderem mit ihrem „fantastischen Reichtum“ zu tun, schreibt Wright, nach Aussage ehemaliger Mitglieder habe sie liquide Mittel von einer Milliarde Dollar. Allein in Hollywood besitzt Scientology 26 Liegenschaften, zuletzt wurde für einen eigenen Fernsehsender ein Studiogebäude am Sunset Boulevard erworben.

Bedürfnisse

Die „fantastisch reichen“ Mitglieder rekrutiert der Verein vorrangig in Hollywood: Um die Welt davon zu überzeugen, dass Scientology ein einzigartiger Zufluchtsort für Stars mit spirituellen Bedürfnissen und ein Sprungbrett zum Ruhm ist, betreibt die Organisation in Hollywood und anderen Zentren der Unterhaltungsindustrie Treffpunkte für Prominente, sogenannte „Celebrity Centres“. In der Praxis bleiben die Stars der Sekte wie Anne Archer, Chick Corea, Priscilla Presley, Juliette Lewis oder Will Smith meist unter sich.

Tom Cruise war ein Glückstreffer, als er 1986 durch seine erste Frau Mimi Rogers zu Scientology kam. Damals gab es in der amerikanischen Öffentlichkeit wenig Sympathie für die esoterischen Dogmen des Vereins, doch die Gerüchte über Cruise’ Mitgliedschaft hielten sich hartnäckig, bis sich der Star dazu bekannte. Er erklärte später, unter anderem seine Legasthenie mit den Studienmethoden von Scientology überwunden zu haben. Durch Mimi Rogers, deren Eltern zu den ersten Anhängern von Ron Hubbards Bewegung gehört hatten, stießen auch Künstler wie Kirstie Alley, frühere Mitbewohnerin von Rogers, und Sonny Bono dazu. Als sich Rogers Eltern von Scientology abwandten, wurde auch Rogers in den Augen der Organisation zur Gefahr. Wright berichtet, die Anwälte des Vereins hätten Cruise unterstützt, als er sich von der unwilligen Rogers scheiden ließ, um Nicole Kidman zu heiraten. Zuletzt machte Cruise’ dritte Frau Katie Holmes Schlagzeilen, als sie sich und die gemeinsame Tochter aus den Fängen des Vereins befreite.

Abhängigkeiten

35 Jahre in der Sekte verbrachte Paul Haggis, zweifach oscargekrönter Regisseur und Drehbuchautor („Crash“). Er berichtet in Wrights Buch, wie er als drogenabhängiger Jüngling, der es in Hollywood zu etwas bringen wollte, zu Scientology kam. Als er 2009 ausstieg, kündigte Tom Cruise’ Studio United Artist die Zusammenarbeit mit dem Regisseur.

Ein großes Imageproblem hat die Organisation in Europa. Mehr als 70 Prozent der Deutschen sind der Meinung, Scientology gehöre verboten. 1997 wandte sich eine Gruppe von Hollywood-Prominenten in der International Herald Tribune in einem offenen Brief an Bundeskanzler Helmut Kohl. „In den Dreißigerjahren waren es die Juden, heute sind es die Scientologen,“ hieß es in dem auch von Nicht-Scientologen wie Oliver Stone und Dustin Hoffmann unterzeichneten Schreiben.

Tom Cruise bemühte sogar Bill Clinton, der ein Treffen mit seinem Sicherheitsberater arrangierte, um einzulenken. Vergebens. Deutschland weigerte sich weiterhin, Scientology als Religionsgemeinschaft anzuerkennen. Und Cruise buhlte weiter um die Herzen der Deutschen: Er drehte „Stauffenberg.“

Der Science-Fiction-Autor und die unsterblichen Wesen

Ursprung

1950 beschrieb L. Ron Hubbard in „Dianetik“ein System von Psychotechniken, das er zu einer Weltanschauung mit Religionsanspruch erweiterte.

Vorstellung

Herzstück ist die Vorstellung, das unsterbliche Menschenwesen sei durch traumatische Erlebnisse beeinträchtigt. Gefordert wird die Abschaffung der Psychiatrie.

Rückkehr

In Österreich ist Scientology nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt. Hubbard starb 1986 nach einem Schlaganfall. Gläubige warten noch auf seine Rückkehr.

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