Gregor Bloéb und Peter Matić in „Letzte Tage der Menschheit“: Der Optimist und der untote Kaiser

© APA/BARBARA GINDL

Zwischen Salzburg und Wien groß geworden

Zwischen Salzburg und Wien groß geworden

"Die letzten Tage der Menschheit" im Wiener Burgtheater.

von Guido Tartarotti

09/06/2014, 01:27 PM

Was macht den Unterschied aus zwischen einer guten und einer hinreißenden Theateraufführung? Oft nur ein paar Vorstellungen und zusätzliche Probentage.

Diesen Effekt kann man gerade bei "Die letzten Tage der Menschheit" überprüfen: Auf dem Weg von den Salzburger Festspielen ins Wiener Burgtheater wurde aus einer guten Aufführung eine sensationelle. Die Inszenierung ist unterwegs gewachsen und groß geworden.

Die Vorgeschichte: Matthias Hartmann hätte diese Koproduktion zwischen Festspielen und Burg inszenieren sollen, wurde aber durch seine – inzwischen vor Gericht bekämpfte – fristlose Entlassung als Burgdirektor daran gehindert. Das ist übrigens aus künstlerischer Sicht durchaus schade – eine Inszenierung des Monster-Dramas im Stil von Hartmanns bester Wien-Arbeit, der radikal reduzierten "Krieg und Frieden"-Dramatisierung, wäre interessant gewesen.

Eindrücke der Inszenierung

Scheitern

Der in vielen spannenden Inszenierungen bewährte Georg Schmiedleitner, bekannt auch durch sein Theater Hausruck, sprang ein und wuchtete die noch nie ungekürzt gezeigte Anklageschrift Karl Kraus’ gegen Krieg, Unmenschlichkeit und Geschäftemacherei in einer viereinhalb-Stunden-Fassung auf die Bühne. Dabei konnte er nur scheitern: Erstens, weil man an diesem Stoff grundsätzlich scheitert, zweitens, weil die Vorbereitungszeit viel zu kurz war. Schmiedleitner arbeitete sich mit heiligem Ernst durch Kraus’ Text und verließ sich, wenn ihm nichts Anderes einfiel, auf die Theatermaschine: Scheinwerferblitze, Pauken-Donner, aus dem Boden wachsende Blaskapellen, fliegende Pastoren ...

Schmiedleitner scheiterte mit Anstand, Würde und Niveau, manche Verrisse seiner Salzburger Premiere, etwa in der Zeit, klangen merkwürdig hasserfüllt.

Die Schwäche der Salzburger Aufführung war ihre Ernsthaftigkeit: Um sich Witz zuzutrauen, muss man sich sicher fühlen, also suchte man Zuflucht im Ernst.

Witz

Und damit sind wir endlich in Wien. Der große Unterschied zwischen den beiden Premieren: Diesmal traute sich das Team, Witziges sehr witzig, Tragisches sehr tragisch, Bösartiges sehr bösartig zu erzählen. Davon profitierten nicht nur die Szenen mit Dörte Lyssewski als kriegsgeile Reporterin Schalek und die Nörgler/Optimist-Doppelconferencen mit Dietmar König und Gregor Bloéb, sondern die ganze Aufführung, die plötzlich, befreit vom seriösen Einheitston, einen ungeheuren Sog entwickelte.

Aus dem großartigen Ensemble seien willkürlich hervorgehoben: Peter Matić (etwa als untoter Kaiser), Elisabeth Orth (etwa als Lehrer), Christoph Krutzler (etwa als Ganghofer) oder Laurence Rupp (etwa als sterbender Soldat).

Großer, langer Applaus und viele, viele Bravos. Ein paar Längen und Unschärfen? Geschenkt.

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