„Die letzten Tage“: Das absolut Böse in der Idylle von Reichenau
Geglückte Uraufführung: "Die letzten Tage" in Reichenau, Schlussapplaus
Mitte April 1945, als „Niedertracht und Bosheit keine Befehle mehr brauchten, um aus Mitbürgern und Kollegen Täter zu machen“, so Martin Prinz im Nachwort zu seinem Roman „Die letzten Tage“, ereigneten sich rund um Reichenau an der Rax ungeheure Verbrechen.
NS-Kreisleiter Johann Braun errichtete ein Standgericht – ohne Auftrag der Partei. Und ohne die Minimalvoraussetzungen eines fairen Verfahrens: Der eine Gefolgsmann „spielte“ den Ankläger, der andere den Verteidiger. Man verurteilte Männer wie Frauen – Fahnenflüchtige und Denunzierte – zum Tode. Ohne mit der Wimper zu zucken: Wenn ein Erhängter etwas zappelt, schießt man ihm auch noch durch den Schädel. Oder man knüpft eine durchsiebte Leiche neben der Straße auf. Selbst in einem derart idyllischen Fleckchen Erde wüteten Bestien.
Zwei Jahre später wurde dem Triumvirat der Prozess gemacht. In Form einer szenischen Lesung, die viel mehr als eine solche ist, lässt Maria Happel, die Intendantin der Festspiele Reichenau, diesen nachspielen. Prinz hat sich bei der Dramatisierung zurückgenommen: Im Zentrum stehen die protokollierten Aussagen der Täter. Oft genug widersprüchlich, immer decouvrierend, denn der Richter gibt sich mit dem Abschieben der Verantwortung auf andere nicht zufrieden.
Rund um Daniel Jesch als Instanz mit sonorer Stimme („Warum lügen Sie?“) steht und sitzt ein zehnköpfiges Ensemble, alle schwarz gewandet: Jeder verkörpert einen Täter oder Zeugen, manche müssen warten, bis ihr Fall an die Reihe kommt.
Anfangs tut man sich als Beobachter vielleicht etwas schwer, weil die Aufarbeitung derart unvermittelt beginnt – und zu viele Namen durch das Theater schwirren. Doch schon bald kristallisiert sich das absolut Böse heraus. Unter den Hauptangeklagten (Gerhard Kasal als Braun, David Oberkogler als SA-Mann Weninger) sticht Nils Arztmann heraus: Der Blondschopf stattet den Johann Wallner süffisant grinsend mit einer vor Zynismus strotzenden Visage aus, dass man ihm am liebsten eine reinhauen würde.
Für Hitler in den Krieg
Gegengeschnitten werden die rekapitulierten Ereignisse im harten Licht auf der Bühne mit persönlichen Passagen von zwei Kommentatorinnen am Rand (Theresa Affolter und Paula Nocker) im eher natürlichen Spotlight. Eingeflochten sind zudem die Erzählungen eines Gendarmen, der vom Standgericht freigesprochen wurde, aber Höllenqualen durchlitt. Denn er wurde zum Volkssturm gegen die ins Tal vorrückenden Russen vergattert: Fünf Jahre hätte er sich durchgeschwindelt, stellt Sebastian Wendelin als armer Tropf Heinrich Spielbichler fest, um nun doch für Hitler in den Krieg ziehen zu müssen … Dass man zwischendurch lächeln darf, tut der auf 75 Minuten äußerst verdichten Packung mehr als gut.
Noch am Samstag, 18. Juli, um 11 Uhr
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