Kultur
04/16/2019

Die Kritiken von den Osterfestspielen: Meisterliches abseits von Wagner

Salzburg. Konzerte mit Thielemann, Jansons und die Uraufführung einer Kammeroper (Von Helmut Christian Mayer).

Im Zentrum der diesjährigen Salzburger Osterfestspiele stand naturgemäß die szenische Produktion von Richard WagnersMeistersinger von Nürnberg“.

Aber auch das „Rahmenprogramm konnte sich hören lassen. Etwa dann, wenn Christian Thielemann und Frank Peter Zimmermann mit den Dresdnern musizierten.

Es ist der Eindruck der unwiderstehlichen, fast einlullenden Suggestion, der Inbegriff der geigerischen Verführung, der den hohen Beliebtheitsgrad des einzigen Violinkonzertes von Felix Mendelssohn-Bartholdy erklärt. Noch dazu wenn es so gespielt wird, wie von Zimmermann im Großen Festspielhaus: Der deutsche Geiger traf auf seiner Stradivari genau diesen Sehnsuchtston. Er wusste die fließenden Melodieführungen mit betörendem Ausdruck und mannigfaltigen Abstufungen, wunderbarer Tonreinheit, hohen technischen Standards und großer Energie zu musizieren.

Den delikaten Orchestersatz breitete ihm die Sächsische Staatskapelle Dresden unter Christian Thielemann als farbigen Klanggrund aus. Für den riesigen Jubel bedankte er sich mit einem Solostück von Béla Bartók.

Hymnisch

Schon zuvor erlebte man die „Jubel-Ouvertüre“ von Carl Maria von Weber, zum 50-jährigen Regierungsjubiläums des Kurfürsten Friedrich August des „Gerechten“ komponiert, mit der Staats- und Herrscherhymne zum Finale, die noch heute den Schutz für das britische Königshaus beschwört.

Hier und ganz besonders bei der achten Symphonie, der „Großen“ C-Dur von Franz Schubert, die erst 1839 durch Felix Mendelssohn-Bartholdy im Rahmen der Leipziger Gewandhauskonzerte uraufgeführt wurde, konnten die sächsischen Musiker unter Thielemann ihre Vorzüge voll ausspielen: Strahlendes Blech, warmes Holz und farbige Streicher sowie ein exaktes Zusammenspiel mit exquisiten Solisten aus den eigenen Reihen.

Und vor allem animiert durch den energiegeladenen, stets fordernden Dirigenten ergab sich ein ungemein akzentreiches, packendes und sehr lebendiges Musizieren.

Karajan-Preis für Pultgigant Mariss Jansons

Unter stehenden Ovationen des Publikums im ausverkauften Großen Festspielhaus wurde dieses Jahr der Herbert-von-Karajan-Preis, gespendet von seiner Witwe Eliette, vom künstlerischen Leiter Christian Thielemann und dem Intendanten der Osterfestspiele Peter Ruzicka an einen ganz Großen verliehen: An Mariss Jansons, der im zarten Alter von 25 Jahren selbst einmal beim Pultstar und Gründer der Osterfestspiele assistieren durfte.

Mittlerweile ist der Lette selbst zu einem Pultgiganten geworden, wie man sich wieder  überzeugen konnte. Zuerst bei Joseph Haydns „Militärsymphonie“ (Nr. 100). Das Werk wurde  perfekt wiedergegeben. Dann wurde die naive Mahlersche Bilderwelt von der  Sächsischen Staatskapelle Dresden unter dem stets animierenden, wieder sehr sensibel agierenden Mariss Jansons bei Gustav Mahlers vierter  Symphonie ungemein subtil und weidlich ausgekostet.

Packend war, wie sich zum Schluss die lange aufgebaute Spannung in einem Aufschrei mit rauschenden Streicher- und Harfenklängen entlud. Viele Facetten ihres Könnens zeigte Regula Mühlemann mit ihrem schönen, klaren, nicht immer ganz textverständlichen Sopran.

Die Oper„Thérèse“ von  Philip Maintz in der Aula

Uraufführung. „Thérèse, Thérèse“: Markerschütternd gellen die Todesschreie des ertrinkenden Camille durch den Raum, mit denen die Oper beginnt. Und sie endet als finaler Höhepunkt mit dem stummen, nur von Musik begleiteten Selbstmord der beiden Mörder: Dazwischen liegen  95 spannende Minuten. Nach „Lohengrin“ von Salvatore Sciarrino 2017 und „Satyricon“ von Bruno Maderna 2018 wurde die Kammeropernreihe der Osterfestspiele  mit dem Kompositionsauftrag „Thérèse“ von Phillip Maintz in der Universitätsaula fortgesetzt.

Tödliche LeidenschaftThérèse ist mit dem kränklichen Cousin Camille in Paris zwangsweise verheiratet und leidet unter seinem und dem Diktat seiner Mutter. Als Laurent, ein Freund, im Hause erscheint, erwacht ihre Leidenschaft. Die beiden beginnen eine Liebschaft und ermorden Camille. Doch sie werden geplagt von Albträumen und Selbstvorwürfen, die sie unter den Blicken der gelähmten, sprechunfähigen aber wissenden Blicken ihrer Mutter in den gemeinsamen Selbstmord führen.

Otto Katzameier hat den Skandalroman des erst 27-jährigen Émile Zola „Thérèse Raquin“ aus 1867 zu einem Libretto in mehreren Zeitebenen verdichtet und hat gleich die Rolle des virilen, sehr präsenten Liebhabers Laurent übernommen, den er mit kraftvollem Bariton singt. In meist sehr kurzen Szenen, die durch Black-outs unterbrochen werden, wird der mörderische Krimi in pechschwarzen Kostümen auf einer Einheitsbühne  von Regisseur Georges Delnon eindrucksvoll umgesetzt.

Höchste IntensitätThérèse wird von Marisol Montalvo mit großer Intensität und mit allen diffizilen Sprüngen bis in extreme Höhe bewältigt. Der auch vom Typ her schwächlich und asexuell wirkende Camille wird vom Countertenor, man wollte offensichtlich bewusst keine "männliche" Stimme, Tim Severloh gesungen, der  die beiden immer wieder als sprechendes Traumbild verfolgt. Renate Behle gibt die unerbittliche Mutter  Raquin.

Das 11-köpfige Ensemble, inklusive eines Akkordeons, aus Mitgliedern des Staatsorchester Hamburg bestehend unter dem ungemein präzise dirigierenden Nicolas André kann die Musik von Maintz sehr ambitioniert umzusetzen. Diese ist bei den Singstimmen teils kantabel, sie wabert, raunt, pulsiert rhythmisch in einem Netz aus Leitmotiven, Überschichtungen und reibenden Klangflächen.