© Antje Damm

interview
03/10/2021

Kinderbuchautorin Antje Damm: "Abenteuer im Kopf zulassen"

Die deutsche Autorin und Illustratorin Antje Damm im Interview über Sichtweisen von Kindern und Arbeiten für die Tonne.

von Marco Weise

Rund 30 Kinder- und Bilderbücher hat die deutsche Autorin Antje Damm bereits veröffentlicht, oder besser gesagt, gebaut. Denn die Architektin ist eine „Bilderbuch“-Macherin: Sie schreibt nicht nur, sondern entwirft und modelliert auch noch selbst die Kulissen. Für ihr neuestes Buch "Die Wette" (Moritz) hat Antje Damm (56) wieder zu Stift, Schere, Kleber und Fotoapparat gegriffen, um die Geschichte von Lilo und Hein zu erzählen.

KURIER: Welchen Ansatz verfolgen Sie, um mit den Kindern ins Gespräch zu kommen?

Antje Damm: Ich gehe davon aus, dass jedes Kind einen reichen Erfahrungsschatz gesammelt hat, aus dem heraus es sich über vieles Gedanken machen kann. Mein Ansatz ist das Herauskitzeln, Herauslocken und nicht das Hineingeben. Mich interessieren diese Erfahrungen, Ideen, Meinungen und Sichtweisen von Kindern, die ich dadurch erfahre, indem ich Fragen stelle. Der Ansatz steht vielleicht im Gegensatz dazu, was oftmals in der Schule passiert. Dort wird den Kindern Wissen beigebracht und wieder abgerufen. Aber genau um dieses Wissensabfragen geht es mir nicht. Mir geht es darum, Kinder dazu aufzufordern, sich zu äußern, Wünsche, Träume, Ängste zu formulieren, die sie beschäftigen und sich so selber den großen Sinnfragen zu nähern.

Selbstständiges Denken haben viele bereits verlernt. Sollten auch Erwachsene wieder öfter unbekümmert drauflos philosophieren?

Das wäre wünschenswert, denn wir alle sollten uns eigene Gedanken machen und nicht davon ausgehen, dass die Philosophen uns Antworten auf alle Fragen geben können. Ich bewundere immer wieder die Freiheit, Neugierde und den Forschergeist, den Kinder haben, wenn sie ein Thema beschäftigt. Letztendlich macht es einfach Spaß, die Abenteuer im Kopf zuzulassen.

Wie kommen Sie auf Ihre Themen? 

Ich greife Themen in meinen Büchern auf, die mich interessieren, wie z.B. das Thema Zeit, die Natur, Wahrheit und Lüge oder auch das Nichts, das ein ganz spannendes und vielfältiges Thema ist. Im ersten Moment meint man, das wäre zu schwierig oder zu abstrakt. Ist es aber gar nicht.

Wie sind Sie zur Kinderbuchautorin geworden? 

Ich bin eigentlich Architektin, habe auch lange in diesem Beruf gearbeitet. Als dann meine beiden ersten Kinder kamen, habe ich pausiert und um weiter zu zeichnen, Bilderbücher gemacht. Ich wollte diese ersten Versuche aber nicht veröffentlichen, und habe sie an Kinder verschenkt. Durch Zufall lernte ich eine Frau kennen, die in einem großen Verlag gearbeitet hatte. Sie riet mir dann, diese Bücher an ein paar Verlage zu verschicken. Ich hatte Glück und im Schweizer Atlantis Verlag erschienen drei Bücher hintereinander. Die Entscheidung beim Büchermachen zu bleiben fiel mir anfangs aber nicht leicht. Vor ca. 20 Jahren erschien dann „Frag mich!“ im Moritz Verlag. Das war der Auslöser, dabei zu bleiben, denn das hat mir sehr viel Spaß gemacht und das Buch war ein großer Erfolg.

Sie schreiben nicht nur, sondern illustrieren auch. Sie bauen dafür eigene Welten, Kulissen. Was wäre das eine ohne das andere?

Für mich gehört beides untrennbar zueinander. Darum illustriere ich in der Regel keine Texte anderer Autoren. Ich denke viel in Bildern und entwickle den Text parallel dazu. Beides ist trotzdem auch eigenständig, bezieht sich aufeinander und bereichert sich im Idealfall.

Man hat das Gefühl, dass Ihre Bücher auch immer Erwachsene ansprechen. Zufall oder Absicht?

Ehrlich gesagt, mache ich mir beim Arbeiten an einem Buch wenig Gedanken über eine bestimmte Zielgruppe. Natürlich sind meine Bücher in erster Linie für Kinder bestimmt, aber ich mache sie letztendlich auch für mich. Ich muss auch damit zufrieden sein und das gut finden. Es darf mich auf keinen Fall langweilen. Und sollte das während so eines Arbeitsprozesses der Fall sein, schmeiße ich Projekte auch mal in die Tonne.

Wie gehen Sie und Ihre Kinder mit der allgegenwärtigen sozialen Distanz um?

Meinen eigenen Kindern fehlen die Freunde sehr. Sicher bleibt da ganz viel auf der Strecke, wenn man nur so wenig soziale Kontakte hat. Ich merke das auch an mir selber. Ich werde teilweise träger, habe das große Glück, dass ich mich gut alleine beschäftigen kann. Ich habe während der Coronazeit viel gemacht, für das ich sonst nie Zeit hatte. Gebastelt, geschnitzt und wieder einmal Briefe geschrieben. Das ist zwar positiv gewesen, aber man braucht für Kreativität den Austausch und Input von und mit anderen Menschen.

Wird es eine Generation Corona geben? Wenn ja, mit welchen Problemen wird diese zu kämpfen haben?

Ich hoffe sehr, dass die Pandemie nicht zu viele Spuren hinterlässt. Aber das werden wir erst in der Zukunft wirklich wissen. Mir tun die jungen Leute leid, die nach der Schule in die Welt ziehen möchten. Es ist sehr wichtig, mal die Tapeten zu wechseln. Ich bin zum Beispiel nach der Schule nach Italien gegangen. Und ich glaube, dass das total wichtig für meine Entwicklung war.

Als Erwachsener Kinder nicht zu belehren, ist schwer. Sie wollen das auch in ihren Büchern stets verhindern, was ihnen auch immer gelingt. Haben Sie da einen Trick? Und wie geht es Ihnen damit bei Ihren eigenen Kindern?

Ich habe vier Töchter, die dem Bilderbuchalter schon lange entwachsen sind. Trotzdem gucken wir uns zusammen immer wieder Bücher an. In einem guten Kinderbuch finden auch Erwachsene so viel. Ich denke, dass es in den Büchern nicht meine Aufgabe ist, Kinder zu belehren und ihnen etwas bei zu bringen, sondern sie zu ermutigen ihre Fähigkeiten wert zu schätzen und sie neugierig zu machen, zu berühren und anzuregen. Wenn das gelingt, ist es doch schon sehr viel.

Hat man es als Kinderbuchautorin einfacher als in der Welt der Erwachsenen-Literatur?

Nun ja, das würde ich so nicht sehen. Der Kinderbuchmarkt ist hart umkämpft. Jedes Jahr erscheinen tausende von neuen Kinderbüchern, und die zuvor erschienenen Bücher verschwinden schnell wieder aus den Regalen. Ich kenne den Erwachsenen-Markt nicht gut genug, aber Büchermachen hat leider auch viel mit Idealismus zu tun. Reich werden ja nur ganz wenige damit und die Programmplätze in den Verlagen sind begrenzt.

Würden Sie gerne einmal einen Roman schreiben?

Ich würde das jetzt nicht ganz verneinen, aber ich möchte lieber Bücher für Kinder machen. Und vor allem auch Bilder.

 

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