© Stadttheater Klagenfurt

Kultur
10/01/2020

Kärntner Geschichte im Theater: "Es gab extremen Bekenntniszwang"

Bernd Liepold-Mosser arbeitete die Vor- und Nachgeschichte der Kärntner Volksabstimmung auf: Ein Gespräch

von Michael Huber

Am 10. Oktober jährt sich die Volksabstimmung über den Verbleib Unterkärntens bei Österreich zum 100. Mal. Bernd Liepold-Mosser hat die Vor- und Nachgeschichte dieses Ereignisses intensiv erforscht. Heute hat sein Stück „Servus Srečno Kärntenpark“ am Stadttheater Klagenfurt Premiere; für die Stadtgalerie kuratierte er dazu die Schau „Kärnten/Koroška von A – Z“

KURIER: Sie nennen Ihr Stück die Summe Ihrer künstlerischen Beschäftigung mit Kärnten. Warum?

Bernd Liepold-Mosser: Wir hatten in Kärnten im 20. Jahrhundert einen starken deutschnationalistischen Grundstrom, der zum Ziel hat, dass die slowenische Kultur zurückgedrängt wird. Das führte dazu, dass die Menschen in Unterkärnten die sprachliche Identität und auch die kulturelle Identität verleugnet haben. Das habe ich schon als Kind in meinem Geburtsort Griffen miterlebt. Jörg Haider hatte später in Kärnten eine Spielwiese, wo er diese Geschichte politisch instrumentalisieren konnte. Ich sagte mir damals: Wenn ich mit diesem Hintergrund Theater mache, müssen das Stücke sein, die sich mit dieser Situation auseinandersetzen. Es könnte aber sein, dass sich dieses Paradigma jetzt langsam auflöst.

Woran sehen Sie das?

FP-Chefideologe Andreas Mölzer hat einmal sinngemäß gesagt, wir brauchen die Kärntner Slowenen als Feindbild nicht mehr, wir haben jetzt andere Möglichkeiten, Politik zu machen – mit den Ausländern. Das Feindbild des kommunistischen Jugoslawien ist weg, Slowenien ist Teil der EU wie Österreich. Dieser Möglichkeit zur Öffnung, zur Pluralität und zum Dialog wohnt aber ein Zynismus inne – denn sie findet statt, nachdem diese slowenische Minderheit in Kärnten stark dezimiert wurde.

Wie meinen Sie „dezimiert“?

Dezimiert durch Assimilation. Unmittelbar nach der Volksabstimmung gab es ja eine zweisprachige Freudensfeier. Da hätte die Geschichte die Abzweigung nehmen können, dass die Volksabstimmung eine basisdemokratische Sache gewesen ist – Angehörige beider Sprachgruppen haben ja für Österreich gestimmt. Aber unmittelbar danach hat starke deutschnationale Propaganda begonnen. Man griff zurück auf den Abwehrkampf 1918/’19. Der wurde dann zum Mythos des Kampfes gegen die Slawen stilisiert. Mit dem Einmarsch Hitlers 1938 hat sich die Situation verschärft – slowenische Familien wurden deportiert, die slowenischsprachige Intelligenzijia musste flüchten. Nach 1945 hat aber dieser Druck, dass Kärnten deutsch sein möge, nicht aufgehört. Bis in die 90er Jahre war das stark, quer über die Parteigrenzen hinweg.

Sind Sie zweisprachig aufgewachsen?

Nein – meine Eltern sind aus Oberkärnten nach Griffen gekommen. Es ist eine exemplarische Gemeinde: 1910, haben dort 73 % der Bevölkerung angegeben, Slowenisch als Muttersprache zu haben. 1980 waren es nicht mal mehr ein Prozent. In meinem Film über Griffen sagen viele aus der älteren Generation, sie haben bis zum Volksschuleintritt mit den Eltern nur Slowenisch gesprochen und dann erst Deutsch gelernt. Aber sie haben ihren Kindern das Slowenische dann nicht mehr mitgegeben – weil das ein Nachteil sei. Das wird jetzt anders gesehen. Aber früher gab es einen extremen Bekenntniszwang. Da kann man erforschen, wie einengend solche Identitätskonstruktionen sein können.

Der Großvater meiner Frau war auch Slowene, der die Sprache im Alltag nie sprach. Nur zu Weihnachten sang er immer eine Strophe „Stille Nacht“ auf Slowenisch.

Ja. Es gibt vielfach eine große Trauer in den Menschen, die mit dieser Verdrängung zu tun hat. Das hat mich immer extrem berührt.

Rund ums Jubiläum wurde das Brückenbauen forciert. Was hat sich da getan?

Da ist in jedem Fall ein Paradigmenwechsel passiert. Ich erwarte auch, dass die Feiern zum 10. Oktober stark unter dem Demokratieaspekt stattfinden werden. Natürlich gibt es Ressentiments trotzdem, aber das offizielle Kärnten hat da eine sehr klare Linie, und das ist sehr gut.

Ihr eigenes Projekt wird im Stadttheater stattfinden.

Ja. Marx sagt ja, die Geschichte ereigne sich einmal als Tragödie und einmal als Farce. Bei mir ist es die Farce auf hundert Jahre Feierlichkeiten – es soll im Stück ein Erlebnispark „Kärnten – Koroška“ eröffnet werden, in dem die einzelnen Stationen in Form von Reenactments aufgearbeitet werden. Aber es mangelt an Geld und Personal, und dann scheitert das. Wichtig ist mir, dass die lange Ära Haider, die ja zur Krise dieses Landes geführt hat, auch thematisiert wird. Diese jüngste Vergangenheit ist in Kärnten überhaupt nicht aufgearbeitet.

Zur Person

Bernd Liepold-Mosser (*1968) lebt in Klagenfurt. 1999 wurde sein Stück „kärnten treu“ am Ulrichsberg uraufgeführt und in Folge von Ex-Intendant Dietmar Pflegerl ans Stadttheater Klagenfurt geholt. Für seine Dramatisierung des Stücks „Das Dorf an der Grenze“ erhielt Liepold-Mosser 2011 den Nestroy-Preis, 2012 kam sein Film „Griffen – auf den Spuren von Peter Handke“ ins Kino.   2018-2020 leitete er das interdisziplinäre Forschungsprojekt „Performing Reality“ an der Uni Klagenfurt zur Aufarbeitung Kärntner Identität. Neben seinem Theaterstück erwuchs daraus auch die Ausstellung „Kärnten A- Z“ in der Stadtgalerie Klagenfurt (1.10. – 17.1. 2021).

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