© Edmund de Waal

Ausstellung
11/06/2019

„Die Ephrussis" im Jüdischen Museum: „Keine nette Sentimentalität“

Die Ausstellung beleuchtet die Familiengeschichte, die dank des Bestsellers „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ weltbekannt wurde.

von Werner Rosenberger

Im Palais Eskeles in der Wiener Dorotheergasse 11 wird eine faszinierende jüdische Familien-Saga erzählt. Nach dem 2010 erschienenen Roman-Bestseller „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ des englischen Keramikkünstlers Edmund de Waal.

Ringstraßen-Dynastie

„Die Ephrussis. Eine Zeitreise“ zeichnet den Weg einer ebenso berühmten wie weit verzweigten Ringstraßen-Familie, die zeitweise so viel Geld hatte wie die Rothschilds, zwischen Russland, Österreich, Frankreich, Großbritannien, Spanien, den USA, und Japan nach.

Aus Wien wurde sie 1938 der meisten Besitztümer wie dem von Theophil Hansen 1872/73 erbauten Palais beim Schottentor beraubt und vertrieben. Die Sammlung von 157 kleinen japanischen Figuren, geschnitzt aus Holz, Elfenbein oder Knochen, Netsuke genannt, landete für zehn Jahre als Leihgabe sowie das vor den Nazis gerettete Familienarchiv am Anfang des Vorjahres als Schenkung im Jüdischen Museum in Wien.

Wiener Familie

„Zum ersten Mal seit 1938 haben sich jetzt mehr als 40 Nachfahren mehrerer Generationen der Familie wieder in Wien versammelt – ein wirklich historisches Ereignis“, so JMW-Direktorin Danielle Spera. Darunter der fast 91-jährige Victor de Waal, der seine ersten Lebensjahre noch im Wiener Palais verbracht hat, später im Exil – konvertiert zur Church of England – eine Karriere als anglikanischer Priester einschlug und von 1976 bis 1986 Dekan von Canterbury war, dessen Frau sowie sein Sohn Edmund de Waal. Der spricht bewegt von einem „Wunder“. Und dass es sich dabei um „keine nette, sentimentale Geschichte“ handelt, „in der am Ende alles gut ist.“ Vieles sei nach wie vor „ungelöst“ – mit Hinweis auf die Jahre des Naziterrors und noch laufende Restitutionsverfahren.

Das Archiv lebt

So fand das Kuratoren-Duo Gabriele Kohlbauer-Fritz und Tom Juncker jüngst das Gemälde „Szene aus dem Feldzug in Italien 1848/49: Lagernde k. k. Truppen in einem Dorf“ (1870) von Franz Adam aus dem Besitz der Ephrussis im Heeresgeschichtlichen Museum. Der Kunstrückgabebeirat empfahl nun die Rückgabe.

Die Schau – 2021 auch im Jüdischen Museum in New York zu sehen – belegt mit Fotos, Dokumenten und Möbeln: Die Ephrussis, die in den 1830er-Jahren in Odessa im Getreidehandel begonnen haben, hinterließen Spuren in ganz Europa und später auf der ganzen Welt.

Aber der zweitreichste Bankiersclan bestand auch aus Kunstkennern und -förderern. Charles Ephrussi ging 1871 mit 21 Jahren nach Paris, wurde Kurator, Essayist, Herausgeber der „Gazette des Beaux Arts“ und schrieb ein Buch über Dürer. Er sammelte Werke der Impressionisten und – der damaligen Mode entsprechend – japanische Holzschnitte und Schnitzereien.

Auf Renoirs Gemälde „Déjeuner des Canotiers“ ist der schlanke, gutaussehende Mäzen mit Anzug und Zylinder zu sehen. In Marcel Prousts Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist Charles Ephrussi ein Vorbild für Swann.

Spargelstillleben

Für sein Bild „Spargelbündel“ hatte Edouard Manet 800 Francs verlangt; Ephrussi gab ihm 1.000, weil es ihm so gut gefiel. Daraufhin schickte Manet noch das kleine Bild eines einzelnen Spargels mit der Bemerkung: „Da fehlte noch einer im Bund.“

Illustriert werden die verschiedenen Stationen der Schau mit jenen Miniaturskulpturen aus Holz oder Elfenbein in Tier-, Pflanzen- oder Menschengestalt, mit denen Japaner einst eine flache Lackdose an ihrem Kimonogürtel befestigten. Darunter der Hase mit den Bernsteinaugen.

Gerettet bei der Plünderung hat sie 1938 das unbekannte Wiener Dienstmädchen Anna. Im Palais, in dem heute Big Macs verkauft werden. In dem ein gewisser Christian Griepenkerl die Beletage mit Gemälden ausstaffierte. Und der – Ironie der Geschichte – den Malamateur Adolf Hitler wegen „ungenügender Probezeichnungen“ in der Akademie ablehnte.