© Akademie der Bildenden /Agathe Pitié

Gemäldegalerie
01/24/2020

Die Akademie-Galerie führt den Aktionismus zum Jüngsten Gericht

Zwei neue Interventionen schlagen im Wiener Theatermuseum Brücken zur Kunstgeschichte

Wenige historische Kunstwerke sind so rätselhaft und zugleich so anschlussfreudig wie die Gemälde des Niederländers Hieronymus Bosch (1450/55–1516). Das „Jüngste Gericht“, ein Hauptwerk des Meisters, wird in der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste am temporären Standort Theatermuseum derzeit immer wieder mit zeitgenössischen Werken konfrontiert.

Die aus mehreren Blättern bestehende Tuschzeichnung der Französin Agathe Pitié (*1986), die noch bis 1. 3. zu sehen ist, darf als besonders gelungene Gegenüberstellung gelten: Hier verschwimmt ein Interesse für historische Darstellungsformen leichtfüßig mit dem Bewusstsein für populäre Bildwelten.In dem Wimmelbild, das von seiner Machart her an Holzschnitte des 15. Jahrhunderts erinnert, lassen sich Wesen erkennen, die ebenso aus Boschs Gemälden wie aus dem Pokémon-Universum stammen könnten. Viele lassen sich benennen – so taucht Luci, der Dämon aus der Netflix-Serie „Disenchantment“, auf.

Feinspitze finden auch die Figur des Hl. Bartholomäus aus der Sixtinischen Kapelle: Der Heilige, der laut Legende gehäutet wurde, hält in der Darstellung in Rom seine eigene Haut – auf dieser verewigte sich Michelangelo selbst. Bei Pitié verweist an derselben Stelle ein Gesicht mit XX-Augen auf Kunstpopstar KAWS. Mit der Abbildung von Hermann Nitschs Orgien-Mysterien-Theater, Günter Brus’ „Wiener Spaziergang“ und VALIE EXPORTs „Aktionshose Genitalpanik“ erweist Pitié der Wiener Aktionskunst der 1960er Reverenz.

Zeitlose Pflanzen

Im Gang nebenan zeigt eine weitere temporäre Schau bis 10. 5. Fotografien der gebürtigen Tirolerin Petra Lutnyk: Ausgehend von historischen Naturaufnahmen aus der Sammlung des Kupferstichkabinetts inszenierte die Künstlerin Pflanzen in Vasen, bei Gott kein neues Motiv. Doch digital fotografiert und auf dickes Büttenpapier gedruckt, irritieren auch diese Werke den Sinn dafür, was ein historisches und was ein heutiges Bild ausmacht. michael huber