Diagonale startet mit tollen Debüts

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Foto: Diagonale Sophie Stockinger (l.) und Nina Proll im bewegenden Debütfilm "Talea" von Katharina Mückstein.

Ein Bärenringer trifft auf Philipp Hochmair, von Schlagerstars, neurotischen Studentinnen und Möchtegern-Astronauten. Ein abwechslungsreiches und hochspannendes Programm am ersten Festivaltag.

Nachdem die Diagonale in Graz Dienstagabend mit Ulrich Seidls "Paradies: Hoffnung", dem letzten Teil seiner "Paradies"-Trilogie, und der Verleihung des großen Diagonale Schauspielpreises an Maria Hofstätter eröffnet wurde, geht es am Mittwoch mit den Feierlichkeiten zu Ehren des österreichischen Films unverzagt weiter. Schon die 11h-Vorstellung ist ausverkauft und der erste Festival-Tag zeichnet sich durch ein unglaublich abwechslungsreiches und hochspannendes Programm junger, österreichischer Filmemacher aus.

 

"Gehen am Strand"

 

gehen-am-strand-_c_-nanookfilm.jpg Foto: Diagonale "Gehen am Strand" von Caspar Pfaundler ist die erste Uraufführung an diesem Mittwoch. Anja prokrastiniert in ihrer Wohnung vor sich her und versucht verzweifelt mit ihrer Diplomarbeit voranzukommen. Anfangs entdeckt man an der Ende-20-jährigen noch liebevoll neurotische Seiten, wenn sie verträumt in fremder Leute Fenster blickt und sich von der Stimmung Unbekannter einen kurzen Moment lang anstecken lässt. Doch Anja wirkt fast wie ein Alien im spätsommerlichen Wien; nicht nur weil ihr die Interaktion mit ihrer Umwelt nicht so recht gelingen mag, sondern auch, weil sie völlig abgeschottet ohne Handy und Internet (sie hat die Rechnungen nicht bezahlt) in den Tag hineinlebt. Das bietet zwar Platz für die kleinen Freuden des Lebens - zum Beispiel wie erfreulich die Bewegungen eines Puddings sein können - aber auch für jede Menge Leere.

 

Dann stirbt plötzlich ihre geliebte Großmutter. Anja muss nach Holland reisen und sieht sich mit ihrer gesamten Familie konfrontiert. Anja erkennt, dass ihr etwas Essenzielles fehlt, das Selbstverständnis, einfach sein zu dürfen. Elisabeth Umlauft zeichnet in ihrer ersten Filmrolle das Porträt einer zutiefst einsamen Frau in einer derartigen Farbenpracht, dass einem das Popcorn im Hals stecken bleibt. Pfaundlers Darsteller durften das Drehbuch übrigens vorab nicht lesen. Die Szenen wurden immer erst kurz vor dem Dreh besprochen und dann improvisiert. Diese Art zu arbeiten hat nur einen chronologischen Dreh zugelassen. Ein Luxus, den man sich sonst eher selten leistet.

"Gehen am Strand" von Caspar Pfaundler. Mit Elisabeth Umlauft, Harry Lampl, Claudia Martini, Karl Fischer u.a. Spielfilm, AT 2013, 112 min, OmeU

"Der Glanz des Tages"

glanz-des-tages_01-_c_-stadtkino-filmverleih.jpg Foto: Diagonale Aber auch Tizza Covi und Rainer Frimmel haben chronologisch gearbeitet, um die Entwicklung ihrer Figuren so realistisch wie möglich darzustellen. In "Der Glanz des Tages" trifft der ehemalige Bärenringer Walter (Walter Saabel) auf seinen Neffen Philipp (Philipp Hochmair). Beide Darsteller kennen die Regisseure schon lange. Die Geschichte vom gealterten Zirkusartisten, der sich auf der Suche nach seinen Wurzeln und der Sehnsucht nach der großen See, nach Hamburg und schließlich nach Wien verirrt, basiert auf einer wahren Geschichte. Dem "Laien" Saabel sei es dabei wesentlich einfacher gefallen, sich selbst zu spielen, als dem Bühnenstar Hochmair, so Covi im anschließenden Gespräch.

 

Philipp, permanent auf Achse, bereitet sich gerade auf seine große "Woyzeck"-Premiere vor, als Walter in sein Leben tritt. Eigentlich hat er gar keine Zeit dem aufdringlichen Onkel ein gebührender Gastgeber zu sein. So unterschiedlich die beiden zu Beginn aufeinander wirken, erkennen sie doch relativ schnell Gemeinsamkeiten. Die Szene in der Walter wieder das Messerwerfen trainiert und zwar ausgerechnet an einer speziell vom Burgtheater in Auftrag gegebenen Statue, die Philipp darstellt, ist zum Brüllen. Und nachdem Walter offensichtlich seine eigene Familie nicht kitten kann, versucht er es bei Philipps Nachbarn aus Moldawien. Dessen Frau, Mutter zweier Kleinkinder, die in Wien beim Vater leben, darf nicht nach Österreich einreisen, worauf Walter einen abenteuerlichen Rettungsversuch unternimmt.

 

Covi und Frimmel haben als Regiepaar erneut unglaubliches Feingefühl bei der Auswahl ihrer Charaktere, deren Geschichten und ihrer Erzählform bewiesen.


"Der Glanz des Tages" von Tizza Covi und Rainer Frimmel. Mit Philipp Hochmair, Walter Saabel, Vitali Leonti u.a. Spielfilm, AT 2012, 92 min, OmeU

"Zweisitzrakete"

 

2sitzrakete_dor-film_arnold_poeschl-11_0.jpg Foto: Diagonale Auch wenn die Geschichte von Hans Hofers "Zweisitzrakete" im Vergleich eher mau ist, ist es doch eine wahnsinnig unterhaltsame und märchenhafte Liebeskomödie made in Austria. Simon Schwarz ist in der Rolle eines Sexualtherapeuten schlichtweg fantastisch. "Mission Impossible" im Technischen Museum und Manuel Rubey, der versucht seiner beste Freundin (Alissa Jung) die Sterne vom Himmel zu holen.

 

"Zweisitzrakete" von Hans Hofer. Mit Manuel Rubey, Alissa Jung, Simon Schwarz, Thomas Stipsits, Alexander Jagsch u.a. Spielfilm, AT 2013, 92 min
 

"Schlagerstar"

 

schlagerstar_03-_c_-mobilefilm.jpg Foto: Diagonale "Man muss nicht Schlagerstar sein, um 'Schlagerstar' zu mögen", so Diagonale-Chefin Barbara Pichler im Vorfeld zu Marco Antoniazzis und Gregor Stadlobers Doku über den mehrfach Platin-ausgezeichneten Volksmusiker Marc Pircher. "Schlagerstar" gibt Einblicke in die österreichische Volksmusikszene mit all ihren Abgründen, Klischees und "Arschkriechereien". Und auch wenn das Diagonale-Publikum wohl eher nicht zur klassische Zielgruppe von Marc Pircher, Hansi Hinterseer und Andreas Gabalier gehört, kam es dennoch in Scharen, um sich von dem Irrsinn mal ein Bild zu machen. "Mit meiner Musik kann man wenigstens noch Geld verdienen", wehrt sich Pircher gegen die üblichen Kritiker. "Da rollt der Rubel." Und das kann man sehen. Aber die Arbeit ist hart, denn zwischen Auftritten im Bierzelt und am Luxusdampfer müssen noch zahlreiche Hände geschüttelt, Autogramme gegeben und eingängige Nummern geschrieben werden. Wer will heute feiern? Hände in die Höh’!

"Schlagerstar" von Marco Antoniazzi und Gregor Stadlober. Mit Marc Pircher, Manfred Wagner, Franz Wolf u.a. Dokumentarfilm, AT 2013, 90 min, OmeU

 

"Talea"

 

fi_getpic.php.jpeg Foto: Diagonale Katharina Mücksteins Erstlingswerk "Talea" sei "ein gutes Beispiel für die zahlreichen tollen Debüts dieses Jahr", so Pichler. Die Haneke-Schülerin sorgt mit großen Emotionen - ohne dass viel gesprochen wird - und einer beeindruckenden Atmosphäre für einen krönenden Abschluss des ersten Tages.

 

Es ist die Geschichte der 14-jährigen Jasmin (Sophie Stockinger - grandios), die auf der Suche nach sich selbst, den Kontakt mit ihrer leiblichen Mutter (Nina Proll - facettenreich wie selten) einfordert, die gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde. Die beiden verbringen ein Wochenende im Waldviertel miteinander und müssen einsehen, dass sie das noch unbekannte Mutter-Tochter-Verhältnis vor ziemliche Herausforderungen stellt.

 

Zu der Geschichte wurde Co-Autorin Selina Gnos von der wegen zweifachen Mord verurteilten Eissalon-Besitzerin Estibaliz C. inspiriert, die schwanger ins Gefängnis kam. Der Film ist so etwas wie die Fortsetzung 14 Jahre später. "Talea" ist ein unglaublich sensibler und einfühlsamer Film mit wunderschönen Einstellungen, und Hauptdarstellerin Sophie Stockinger "spielt wie eine ausgebildete Schauspielerin", so die Regisseurin. Wie recht sie hat.

 

"Talea" von Katharina Mückstein. Mit Sophie Stockinger, Nina Proll, Philipp Hochmair, Rita Waszilovics, Eva-Maria Gintsberg, Andreas Patton, Lili Epply, Megan Werther u.a. Spielfilm, AT 2013, 75 min, OmeU

Diagonale 2013

"Die Wand" von Julian Roman Pölsler. Eine Frau schreibt in einer Jagdhütte auf den Bergen ihre Geschichte auf, um der Einsamkeit zu entkommen. Dort gelandet ist sie vor zwei Jahren für einen Wochenendausflug mit einem befreundeten Paar. Als die beiden nach einem Ausflug nicht zurückkehren macht sie sich auf die Suche nach ihnen. Mitten in der Natur stößt die Frau auf eine unsichtbare Wand, eine Grenze die sie vom Rest der Welt trennt. So abgeschnitten wird sie mit den Kernfragen des Lebens konfrontiert.
  "Die Lebenden" von Barbara Albert.
Sita ist gebürtige Österreicherin und lebt in Berlin, ein junges Mädchen Mitte 20.
Am 95. Geburtstag ihres Großvaters findet sie zufällig heraus, dass dieser während des zweiten Weltkriegs bei der Waffen-SS diente. Sitas Welt wird dadurch völlig auf den Kopf gestellt und sie beginnt zu recherchieren. Eine Reise in die Vergangenheit ihrer Familie bei der der viele Fragen aufkommen. Der letzte Teil der Paradies-Trilogie: "Paradies: Hoffnung"  Die 13-jährige Melanie, Tochter Teresas, verbringt ihre Ferien in einem streng geführten Diätcamp, während  ihre Mutter nach Kenia fährt.  Zwischen Sporterziehung und Ernährungsberatung, verliebt sie sich in einen um 40 Jahre älteren Arzt, dem Leiter des Camps. Der Doktor kämpft gegen die Schuld dieser Liebe an, wissend um ihre Unmöglichkeit. Doch Melanie hat sich ihr Paradies anders vorgestellt.
  Ulrich Seidl ist mit allen drei Filmen am Start: "Paradies: Glaube". Die alleinstehende Katholikin Anna Maria hat ihr Paradies bei Jesus. Ihren Urlaub verbringt sie damit, mit einer 40 cm großen Wandermuttergottes-Statue von Haus zu Haus zu gehen, um Österreich wieder katholisch zu machen. Als eines Tages ihr Ehemann, ein an den Rollstuhl gefesselter Moslem, nach Jahren der Abwesenheit zurückkommt, beginnt ein Kleinkrieg um Ehe und Religion.
  Und "Paradies: Liebe"
Europäische Frauen an Kenias Stränden auf der Suche nach Liebe. Die 50-jährige Teresa ist eine davon. Sie reist als Sextouristin nach Afrika und sucht nach Halt - bei einem Beachboy nach dem anderen.
  "Museum Hours" von Jem Cohen
Als sich ein Wiener Museumswärter mit einer rätselhaften Besucherin anfreundet, wird
das Kunsthistorische Museum zu einer mysteriösen Wegkreuzung, an der eine Entdeckungsreise beginnt – in ihrer beiden Leben, die Stadt sowie die Art und Weise, wie Kunstwerke die Welt widerspiegeln – und letztlich auch formen.
  "Local Heroes" von Henning Backhaus.
Thomas ist Ende Zwanzig, hat sein Idol Kurt Cobain längst überlebt. Völlig manisch stürzt er sich noch einmal in einen Bandwettbewerb, der den ersehnten Durchbruch bringen soll. Zwischen Affären und Alkoholexzessen schafft er es bis in die letzte Runde. Doch ein Schicksalsschlag verändert alles. "Steirerblut" von Wolfgang Murnberger.
In der Romanverfilmung begibt sich LKA-Ermittlerin Sandra Mohr wird zu einem rätselhaften und brutalen Mordfall in ihrer Heimatgemeinde gerufen, wo sich die eingeschworene Dorfgemeinschaft nicht gerade als hilfreich erweist. Der Fall wird zu einer gefährlichen Bewährungsprobe. "Zweisitzrakete" von Hans Hofer.
Manuel ist in seine beste Freundin Mia verliebt, als die allerdings Gefühle für einen anderen Mann entdeckt, will Manuel kämpfen. Um Mia ihren Kindheitstraum zu erfüllen, schmiedet er einen Plan. "The strange case of Wilhelm Reich" von Antonin Svoboda. Ein Film über Wilhelm Reichs Zeit im amerikanischen Exil und den Tod des umstrittenen Psychiaters. Auch Heneks preisgekrönter Film "Amour" wird bei der Diagonale gezeigt. Ein altes, einander verschworenes Paar wird mit Krankheit, Leiden und schließlich dem Tod konfrontiert. Hüseyin Tabak ist mit zwei Filmen im Programm vertreten. "Das Pferd auf dem Balkon"...
Ein Kinderfilm über einen spielsüchtigen Mann der ein Rennpferd auf dem Balkon hält und einem Bub der an dem Asperger-Syndrom leidet und genau weiß was mit dem Gaul zu machen ist. ... und "Deine Schönheit ist nichts wert".
Der 12-jährige Veyel ist halb Kurde und Türke, zu Hause in einem fremden Land inmitteln familiärer Konflikte und zudem unglücklich in seine Klassenkameradin Ana verliebt. Sein junges Leben schon ein kleiner Kampf, bis sein 33-jähriger Nachbar sein erster Freund wird... "Gehen am Strand" von Caspar Pfaundler.
Anjas Leben läuft ins Leere. Zwischen Privatleben und Diplmarbeit entsteht eine Depression. Als sie zum Begräbnis ihrer Großmutter nach Holland fährt, stellt sie sich ihrer Einsamkeit... "Grenzgänger" von Florian Flicker
Eine dramatische Dreiecksbeziehung zweier Männer und einer Frau zwischen Liebe und Verrat wie in Schönherrs "Weibsteufel", nur heute. "Der Glanz des Tages" von Tizza Covi und Rainer Frimmel. Der junge und erfolgreiche Schauspieler Philipp steht auf den großen Bühnen in Wien und Hamburg. Zwischen seinen Engagements verliert er jedoch die Realität aus den Augen und jeden Bezug zu sich selbst. Bis er auf Walter trifft... "Cold Blood" von Stefan Ruzowitzky
Nach einem gescheiterten Überfall sind die Geschwister Addison und Liza auf der Flucht, wo es zu einem folgenschweren Unfall kommt. Addison und Liza beschließen getrennte Wege zu gehen. Unterwegs begegnet Liza dem ehem. Boxer Jay und fährt mit ihm zu seinen Eltern. Dort begegnen die Geschwister einander wieder und es wird klar, dass es zu einem dramatischen Ende kommt. "Diamantenfieber - Kauf dir lieber einen bunten Luftballon" von Peter Kern.
Der 15-jährige Hans sorgt nach dem Tod seiner Eltern für seine vier Brüder und seine Oma. Für seinen Onkel spielt er den Kurier seiner kriminellen Geschäfte. Er hofft auf das schnelle Geld, gerät jedoch in noch größere Schwierigkeiten...
 
(Kurier) Erstellt am
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