Kultur
11.06.2017

Design-Avantgarde im Kapitalismus

Designstar Hussein Chalayan über Mode, in der Kunst und die Frage, wie marktgetrieben gutes Design eigentlich wirklich ist.

KURIER: Sie haben seit Ihrem Start Anfang der 90er-Jahre zahlreiche ikonische Kollektionen auf den Laufsteg gebracht. Berühmt etwa war das "Table-Dress" – ein Tisch zum Anziehen. Sie haben damit 2000 das Thema Vertreibung aufgegriffen. 15 Jahre später wurde das hoch brisant. Würden Sie das Thema noch einmal aufgreifen?

Hussein Chalayan: Warum nicht? Aber auf eine andere Art und Weise. Bei der Kollektion ging es darum, wie man sein Hab und Gut mitnehmen kann, wenn man seine Heimat verlassen muss.

Welchen Beitrag kann konzeptionelle Mode zu diesem Thema leisten?

Mode ist ein großer Teil der Kultur. Wie kann es nicht wichtig sein, was wir tragen? Alles was wir mit Gewand tun, ist eine Verstärkung des Körpers. Für mich sind Mode und der Körper als kulturelles Symbol untrennbar miteinander verbunden.

Sie haben einmal gesagt, dass Ihre Mode Frauen ermächtigen soll. Ist es nicht schmerzhaft zu sehen, wie die Mode-Industrie Frauen über weite Strecken immer noch zum Objekt macht?

Das ist eine schwierige Debatte. Wenn eine Frau sich entscheidet, in einer sehr sexualisierten Weise betrachtet werden zu wollen, ist es ihre eigene Entscheidung. Ich respektiere das – etwa wie Madonna es in der Vergangenheit gemacht hat. Aber genauso kann man argumentieren, Frauen würden in diese Rolle gedrängt. Es kommt auch darauf an, ob Frauen die Wahl haben, oder ob es ihnen von Männern auferlegt wird. Manchmal wird es auch von anderen Frauen auferlegt, denn manchmal ist es so, dass Frauen meinen, andere Frauen sollten sich so oder so präsentieren. Es ist schwierig, eine Grenze zu ziehen.

Sie haben einmal ein Kleid gezeigt, das mit elektrischen Seilzügen in einen Hut gezogen wurde. Am Ende war es komplett verschwunden und das Model stand nackt da. Hatten Sie damit einen Kommentar auf die religiös bedingte Verschleierung der Frau im Sinn?

Nein. Es war eine Art zu sagen, dass die Nacktheit an sich auch ein Outfit ist. Ich musste zuerst bedecken, um dann die Nacktheit zu zeigen.

Wie stehen Sie Kleidungsstücken gegenüber, die mit Religion im Zusammenhang stehen? Interessiert Sie das für Ihre Arbeit?

Aktuell nicht. Ich glaube nicht, dass der Glaube an irgend ein System oder irgendeine Religion damit zu tun hat, wie man aussieht, sondern was man fühlt.

Wie hat die Digitalisierung die Modewelt verändert?

Als wir in den 90er-Jahren begonnen haben, wurden die Kollektionen fotografiert und danach in Magazinen abgedruckt. Die Moderedakteure konnten dich präsentieren, wie sie es gut fanden. Heute ist es hingegen so, dass die Laufstegfotos schon online sind, bevor wir selbst von der Show zurückkommen. Im digitalen Bereich können heute alle Menschen deine gesamte Kollektion sehen. Es wurde demokratischer. Das Schlechte ist, es gibt heute zu viel Information – dafür keine Spannung mehr.

Gutes Design ist leichter verfügbar geworden, wurde damit aber gleichzeitig abgewertet. Ist das ein Urteil, das Sie treffen würden?

Alles hat zwei Seiten. Wenn man bei großen Firmen einkauft und diese auf gutes Design Wert legen – warum nicht? Wenn sie, wie etwa H&M, für die Zusammenarbeit mit renommierten Designern zahlen, dann ist es aus meiner Sicht gut, weil beide Seiten dabei gewinnen. Aber ich glaube, viele Firmen engagieren keine Designer, sondern sie nutzen einfach deren Ideen, bevor diese selbst in der Lage sind, sie umzusetzen und zu produzieren. Einfach weil sie mehr Geld haben.

Sie arbeiten auch als Künstler. Die Kunstwelt steht immer stärker unter dem Eindruck von Riesen-Werken und Mega-Shows. Heuer sind das etwa Damien Hirst in Venedig oder Jeff Koons in New York. Es scheint so, als liefen Kunsttouristen hauptsächlich dorthin, um ein paar Selfies zu machen. Wo endet die Kunst und wo beginnt das Eigenmarketing?

Die Kunstwelt wurde popularisiert und stark industrialisiert. Kunst wird nicht mehr von den Künstlern produziert, sondern in Fabriken. Wie viel für Kunst bezahlt wird, ist nicht verantwortungsvoll – für mich sind die Preise einfach lächerlich, besonders, wenn der Künstler tot ist. Wir haben ein Gefühl für Wert verloren. Alles ist so über-verfügbar, wird über-berichtet. Wenn man ein Werk um mehr als 100 Millionen kaufen kann, wirkt das für mich, als sei die Welt aus der Balance. Man könnte mit dem Geld nämlich auch sehr viel Sinnvolles tun.

Sie meinten einmal, arm zu sein, sei wichtig, um als junger Künstler zu wachsen. Warum ist das Ihrer Meinung nach so?

Wenn man arm ist, muss man andere Lösungen finden, man findet viele Wege, um Dinge zu erschaffen. Ich habe viele Menschen gesehen, die es von Armut zu großem Reichtum geschafft haben. Als es Ihnen materiell besser ging, mochten sie Arbeit aber nicht mehr so. Das ist aber weder eine Be- noch eine Verurteilung. Es ist auch nicht so, dass ein armer Kunststudent später auf jeden Fall erfolgreich sein wird. Armut lässt einen jedenfalls härter arbeiten.

Welche Designer kann man ihrer Meinung nach in der Modewelt nicht ersetzen?

Mit Sicherheit Comme des Garçons. Sie sind eine Institution. Ich mag es, wie sie ihre Marke in andere Kategorien einbringen. Es gibt die Shirt-Linie, die Parfum-Serie, die Accessoires, ich mag es sehr, wie sie das Geschäft aufziehen. Hermès beispielsweise ist wegen der Qualität und seiner Geschichte unersetzlich. Es gäbe noch einige mehr, aber wenn ich über Mode spreche, denke ich nicht nur an Kleidung. Man muss auch Apple erwähnen. Um das zu kreieren, mit den ganzen Accessoires, und einen noch dazu zu bringen, das alles zu brauchen – das ist für mich clever. Die Verpackung ist so wundervoll – eine neue, frische Apple-Schachtel zu öffen ist ein Erlebnis. Wenn ich an Mode denke, ist es Comme des Garçons, aber als Marke ist es für mich Apple.

Mode und Design sind in ihrem im Kern eine zutiefst kapitalistische Angelegenheit, nicht?

Auf eine gewisse Art, sicherlich.

Kämpfen Sie in Ihrer Arbeit eigentlich dagegen an?

Man ist ein Teil des Systems, in dem man lebt, aber ich fühle mich nicht als Teil des kapitalistischen Systems. Ich bin in London aufgewachsen, ich arbeite in London, und wenn du hier lebst, bist du hier, um zu überleben.

Zur Person: Der Londoner Designstar Hussein Chalayan betreibt seit Mitte der 90er Jahre sein gleichnamiges Modelabel mit sehr avantgardistischen Entwürfen. Er leitet seit 2014 die Modeklasse an der Wiener Universität für Angewandte Kunst. Deren Absolventen und Studenten zeigen am kommenden Dienstag (13.6.) jeweils um 18.00 und um 20.30 Uhr in der Orangerie Schönbrunn ihre Abschlusskollektionen.