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Herr von Lips (Christian Dolezal) und Kathi (Miriam Fussenegger)

© Ingo Pertramer

Kritik
07/02/2021

"Der Zerrissene" in Haag: No Lips, no Party

Beim Sommertheater in Haag wird der Nestroy-Klassiker „Der Zerrissene“ upgedatet und mit Spielwitz auf die Bühne gebracht. Aber nicht alle Witzraketen zünden.

von Marco Weise

Nach zwei Shakespeare-Stücken in Folge zeigt der Theatersommer Haag (NÖ) heuer „Der Zerrissene“. Der oft gespielte Nestroy-Klassiker, der am Donnerstagabend Premiere feierte, wird in einer neuen, zeitgemäßen Fassung auf die Bühne gebracht. Autor Dominic Oley hat den Text entstaubt und ihn ins 21. Jahrhundert geführt – inklusive upgedateten Frauenbild.

Inhaltlich dreht sich aber immer noch alles um einen Mann, um  den selbstverliebten Herrn von Lips (großartig und herrlich dandyhaft verkörpert von Schauspieler und Intendant Christian Dolezal). Nestroys Protagonist ist ein Übersättigter, ein abgestumpfter, im Überfluss aufgewachsener Ungustl, ein vom Leben müder, gelangweilter Depressiver in der Wohlstandskrise.

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„My clothes and my shoes every season get chicer (...) / I am just a man full of nothing at heart“, croont Lips gleich zu Beginn der Vorstellung. Dem Mann mit dem leeren Herzen kann nichts mehr begeistern. Um sich zumindest kurzfristig ein wenig zu zerstreuen, fasst er die Idee, die nächste ledige, verwitwete Frau (oder bei der zumindest der Beziehungsstatus kompliziert ist), die zur Tür hereintritt, zu heiraten. Und schon läutet es: Madame von Slayer – Pardon! - Schleyer (super: Sigrid Hauser) wird vom Hauspersonal angekündigt.  

Kurz darauf kommt auch noch die „bezaubernde Kathi“ (vielschichtig: Miriam Fussenegger), das Patenkind von Lips, auf Besuch. Lips, sichtlich optisch von Kathi angetan, hält aber sein Wort, will sich mit Madame von Schleyer ein wenig bespaßen, ablenken, sie heiraten. Diese ist aber kein unbeschriebenes Blatt, hat bereits den Schlosser Gluthammer (hervorragend grantig: Tania Golden in einer Hosenrolle) den Kopf verdreht und ihn kurz vor der Hochzeit sitzen gelassen.

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Als Gluthammer alias Wuthammer und Lips (hier der Hackler, dort die feiernden Schnösel) um die durchtriebene Madame kämpfen, stürzen sie sich in den vermeintlichen Tod. Beide überleben, glauben jedoch, den jeweils anderen getötet zu haben und nun gesucht zu werden. Es ist der Gamechanger, der Arschtritt, der den verträumten Günstling aus seiner Wohlstandsblase kickt.

Glückskeks

In einer kurzweiligen, hervorragend gelösten und von den SchauspielerInnen durchgeführten Umbauphase (Zwischenapplaus) verwandelt sich das Bühnenbild in eine Scheune. Es ist das Anwesen von Krautkopf (Kajetan Dick), wo die nach der Pause völlig ausgewechselte und abwesend wirkende Kathi ihr Leben als Kühe melkende Bäuerin auf Erlösung wartet. Diese kommt auch verhungert und stinkend angekrochen. Es ist Lips, der überlebt hat und als Knecht getarnt Unterschlupf sucht.  Aber auch der Gluthammer hat es geschafft. Er wird parallel von seinem Freund Krautkopf in einem Verschlag versteckt. Am Ende löst sich alles zum Guten.  Die geldgierigen Freunde von Lips werden enterbt, der Gluthammer bekommt seine Madame Schleyer wieder und Lips will Kathi das ganze Geld vererben. Sie will sich aber nicht emotional kaufen lassen und spendet es, um ihre innere Mutter Theresa jubilieren zu lassen. Lips ist eh schon alles egal, weil er Kathi längst verfallen ist. Gemeinsam am Strohballen sitzend, teilen sie sich einen Glückskeks. Lips, ein, nein DER Zerrissene, erkennt nun, was ihm bislang gefehlt hat.

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Das Ensemble ist der Garant für eine unterhaltsame, flotte, aber auch Längen aufweisende Inszenierung eines seit 1844 immer aktuellen Stückes über Geld und Gier. Die neuen Dialoge und Einfälle von Regisseur Dominic Oley wollen phasenweise zu komisch sein. Nach der Pause gibt es zwar kleinere bissige Seitenhiebe auf die Politik, werden gesellschaftliche Problemzonen angesprochen, aber man hätte da durchaus schärfer, konkreter sein können. Stattdessen werden unzählige Haha-Witzraketen gezündet. Einige davon sind aber nur Rohrkrepierer, also Schenkelklopfer und verpuffen bereits auf der Bühne, andere schaffen es bis ins Publikum – und zünden. Es ist ein Spagat zwischen Ironie und Überzeichnung, zwischen Gestern und Heute, Sozialkritik und Klamauk. Sommertheater ist ja oft eine Kompromisslösung: Es darf nicht zu schwer, aber soll auch nicht zu leicht sein - sommerlich heiter eben. In Haag bekommt man dann auch genau so etwas serviert. 

INFOS: "Der Zerrissene" - noch bis 7. August in Haag (NÖ). Beginn 20.15 Uhr. Infos und Karten finden Sie hier.  

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