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Kultur
08/15/2019

Der wilde Festspieltanz mit "Orphée": Hoch das Bein, treten Sie ein!

Barrie Koskys hinreißende Inszenierung von Offenbachs „Orphée aux enfers“ bei den Salzburger Festspielen – die Kritik.

von Gert Korentschnig

Jupiter kommt mit einem Glitzerpenis auf die Bühne und spielt damit herum, um ihn fit für Eurydice zu machen; die Tänzer wälzen sich auf dem Boden und kopulieren; beim berühmten Cancan weiß man nicht, ob es sich um Frauen oder Männer handelt und sieht, wenn sie ihre Röcke heben, keine Tricolore, sondern riesengroße Vaginas.

Noch vor ein paar Jahren hätten solche Szenen bei den Festspielen einen Skandal hervorgerufen, vergleichbar jenem bei der „Fledermaus“ in der Regie von Hans Neuenfels, als Marcel Prawy die Besucher dazu animierte, ihr Geld zurückzuverlangen. Heute jubelt das offenbar wesentlich offenere Publikum und ist bereit, sich von unzähligen Gags nicht nur unterhalten zu lassen, sondern auch dahinter zu blicken. Zumindest in Salzburg.

Die Regie

Barrie Koskys Inszenierung von Jacques Offenbachs Operette „Orphée aux enfers“ im Haus für Mozart: Eine hinreißend komische, fantasiereiche Travestie, ein Feuerwerk an Pointen und Gags, eine Überhöhung des von Offenbach bereits stark überhöhten Orpheus-Stoffes – aber auch ein klares Statement zur #MeToo-Debatte mit männlichem Macht-Gehabe.

Dieses Stück Musik-Theater (mit Betonung auf Theater), das anschließend an Koskys Komische Oper Berlin übersiedelt, hat alle Voraussetzungen, zur Kultproduktion zu werden. Am Samstag kann man sich im ORF auch selbst ein Bild davon machen.

„Orpheus in der Unterwelt“ bei Offenbach (1858 uraufgeführt): Eines der ersten expliziten Emanzipationsstücke. Eurydice will von ihrem Orpheus, einem langweiligen Geiger, gar nicht aus der Unterwelt gerettet werden, sondern lieber mit Pluto oder Jupiter herummachen, um die dann aber auch fallen zu lassen. Eine starke Frau, die der bürgerlichen Gesellschaft ebenso wie den Göttern ihre Rückenansicht zuwendet.

„Orpheus in der Unterwelt“ bei Kosky: Ein radikales Plädoyer für sexuelle Freiheit, gegen Geschlechterklischees und gegen die Unterdrückung aufgrund von sexueller Orientierung. Mann? Frau? Ist ja egal in dieser Interpretation. Das ist die erste „LGBTQIA“-Oper der Salzburger Festspiele (lesbian, gay, bisexual, transgender, queer/questioning, intersex, asexual). Jeder möge leben, wie er will. Und alle Altersgruppen applaudieren.

Nur für Unterdrückung ist kein Platz, auf dem Olymp ebenso wenig wie in der Unterwelt. Nur weil jemand seinen Penis vor sich herträgt, ist er um nichts besser. Den Größten hat übrigens Eurydice – bis sie ihn abnimmt und wegwirft, weil sie ihn als emanzipierte Frau nicht mehr braucht. Gerade in der Opernbranche, die neben der Filmwelt offenbar besonders anfällig für männlichen Machtmissbrauch war und ist, ein wichtiges Statement. Man lacht bei dieser Aufführung drei Stunden lang, und zwischendurch bleibt einem das Lachen im Halse stecken.

Freilich ist manches überzeichnet, plakativ, an der Grenze zum Kindischen, wenn ein Gag den anderen jagt. Aber die Trefferquote ist enorm hoch. Auch die Kostüme (Victoria Behr) schaffen in diesem Etablissement eine schrille, durchgeknallte Atmosphäre. Die Tanzeinlagen, vom Cancan bis zum Bienchenballett, sind phänomenal choreografiert (Otto Pichler): Massen auf der Bühne, alles in Bewegung, keine Sekunde fad.

Der Conférencier

Ein besonders raffinierter Kunstgriff: Kosky lässt alle Mono- und Dialoge nicht von den Sängern, sondern vom Berliner Schauspieler Max Hopp in der Rolle des John Styx sprechen. Mit unterschiedlichen Tonhöhen, fein differenziert, bis zu zehn Partien in einer Sequenz. Die Sänger bewegen dazu nur die Lippen und spielen, werden also zu Marionetten und als Figuren noch mehr überhöht. Endlich einmal eine sinnvolle Lösung für die oft so schlecht gesprochenen Textpassagen.

Hopp, der auch verdammt gut singt, ist der Star dieser Revue, der Conferencier in diesem „Käfig voller Narren“. An seiner Seite ist Anne Sofie von Otter als Gestalterin der Partie namens Öffentliche Meinung zu sehen, aber auch zu hören. Was sich wohl der schwedische König im Publikum über die sexuellen Umtriebe auf der Bühne gedacht hat?

Ein einziger, allerdings gewichtiger Einwand gegen diesen Abend: In dieser Fassung wird die Musik stark in den Hintergrund gedrängt. Die Wiener Philharmoniker werden unter der Leitung von Enrique Mazzola zur Begleitband degradiert – beim Cancan allerdings zu einer mächtigen, temporeichen, höchst dynamischen. Auch sängerisch wäre in den meisten Partien definitiv mehr möglich.

Die Sänger

Kathryn Lewek ist stimmlich die beste: eine exzellente Sopranistin mit guter Höhe, die auch famos alles spielt, was ihr abverlangt wird. Martin Winkler als Jupiter und Marcel Beekman als Aristäos sowie Pluton gestalten ihre Rollen ähnlich beeindruckend. Joel Prieto fällt als Orpheus nicht nur mit seinem Frack aus dem Rahmen, sondern auch stimmlich ab. Alle anderen – Nadine Weissmann, Lea Desandre, Frances Pappas, Rafal Pawnuk, Vasilisa Berzhanskaya, Peter Renz – fügen sich gut ins szenische Konzept. Ebenso wie der Chor (Vocalconsort Berlin).

Nehmen Sie hoch das Bein, treten Sie ein – eine massive Empfehlung, sich diese Show reinzuziehen.