Kultur 03.03.2013

Regietheater-Parodie mit Darm

David Bösch meuchelt im Akademietheater Johann Nestroys "Der Talisman" mit der Kettensäge.

Manchmal scheint einfach alles zu passen: Ein tolles Stück; ein großartiger Regisseur; sensationelle Schauspieler.
Und manchmal geht dann trotzdem fast alles schief.

Irgendwann gegen Ende in David Böschs Inszenierung von Nestroys „Der Talisman“, als auch schon alles egal ist, kommt die Gärtnerin Flora Baumscheer auf die Idee, den untreuen Titus Feucherfuchs, der sich in einem bis unters Dach zugesch...enen WC-Häuschen versteckt hält, mit einer Motorsäge zu zerschnetzeln. Versehentlich erwischt sie aber die junge Emma Cypressenburg, die auf nämlicher Toilette gerade ihrem Bulimie-Hobby nachgehen will, und sägt ihr den Bauch auf, weshalb Emma den Rest der Handlung mit heraushängendem Darm bestreitet.

Wer jetzt vorsichtig anmerkt, dass das der Nestroy, äh, so nicht geschrieben hat, der ist eben ein unverbesserlicher Theater-Spießer und wird auch nicht verstehen, warum Freunde des Teams im Publikum diese ärgerliche Inszenierung mit spitzen Schreien und unmotivierten Lachern zum Ereignis hochjubeln wollen.

Szenenfotos

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©Reinhard Werner/Patrick Bannwart Burgtheater

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Nacktschnecken

Im Ernst jetzt: David Böschs Inszenierung wirkt wie eine Parodie auf die übelsten Regietheater-Dummheiten der Achtzigerjahre. Er begräbt Nestroys erfolgreichstes Stück unter Tonnen von bizarren Ideen, an den Villacher Fasching erinnernden Gags und völlig überdrehtem Slapstick. Da werden gelbe Karten gezeigt, Anspielungen auf Intimrasur und Menstruationsblutungen herbeigequält, alle spucken einander ständig mit Essen an, die Gärtnerin verzehrt eine Nacktschnecke.

Der völlig aus dem Ruder laufende Klamauk mag streckenweise sogar ganz unterhaltsam sein, allerdings geht ein spannendes Stück dabei verloren: Nestroys Geschichte zweier rothaariger Außenseiter ist eine bittere sozialkritische Abrechnung, es geht um Rassismus, Ausgrenzung, Opportunismus. Wobei sich Nestroy klar auf die Seite der Schwachen schlägt. In diesem Stück klingt schon Brecht an: Moral muss man sich leisten können!

Dabei hatte Bösch sogar eine schöne Grundidee: Die Handlung im Dreck anzusiedeln. Niemand ist hier sauber. Und ein paar wunderbar poetische Bilder gelingen ihm. Etwa, wenn Salome Pockerl wie eine Polizistin mit Pfeiferl ihre imaginäre Gänseschar dirigiert. Oder wenn sie weinen muss, aus ihren Augen statt Tränen Glitzerstaub zur Erde fällt, worauf Blumen sprießen. In diesen Momenten erinnert man sich wehmütig an Böschs hinreißende, berührend kindliche „Romeo und Julia“-Inszenierung an der Burg.

Salome

Dass diese Aufführung nicht völlig auseinander fällt, liegt an den Schauspielern. Sarah Viktoria Frick ist als Salome Pockerl wieder großartig. Man hat den Eindruck, die Regie hat sich nur für diese Figur wirklich interessiert. Ein einziger Mensch in dem ganzen Knallchargen-Irrsinn. Johannes Krisch kämpft, hörbar heiser, als Titus Feuerfuchs wie ein Löwe um Charakter, wirkt aber immer wieder verloren, als hätte man ihn auf der Bühne vergessen.

Maria Happel, Regina Fritsch und die große Kirsten Dene (als liebestolle Witwen) spielen virtuos Löwinger-Bühne. Dietmar König gibt den Friseur als bizarre Tunte (Ein schwuler Friseur, wie originell! Und wieso ist er dann hinter der Kammerzofe her? Ach, egal.) und sammelt Lacher ab.

Branko Samarovski bringt als Spund ein wenig Ruhe ins Geschehen. Liliane Amuat als Emma kann sehr schön ihren Darm über dem Arm tragen, wie schon erwähnt. Und André Meyer ist als Plutzerkern ein berührendes Riesenbaby, verletzlich unter Muskelbergen.
Neil Young Patrick Bannwarts tolles Bühnenbild bietet unendlich viele Möglichkeiten, die leider alle genützt werden. Die Musik von Bernhard Moshammer und Karsten Riedel ist ein wildes Durcheinander, aber immerhin kommt als Leitmotiv Neil Youngs wunderbares „Only Love Can Break Your Heart“ vor.
Am Ende wilder Jubel von einigen, verzweifeltes Schweigen von vielen, wütende Buhs von manchen.

Fazit: Ein Stück geht unter Gags verloren

Stück: Nestroys „Der Talisman“ (nach einem französischen Vorbild) erzählt die Geschichte des rothaarigen Titus, der sich brutal (und mit Perücken-Tarnung) nach oben kämpfen will, bis er sich doch zur ebenfalls rothaarigen Salome bekennt.

Inszenierung: Begräbt das tolle Stück unter Regietheater-Gags.

Schauspieler: Retten, was zu retten ist.

KURIER-Wertung: ** von *****

( Kurier ) Erstellt am 03.03.2013