Christie's-Auktionator Jussi Pylkkänen

© EPA/PETER FOLEY

Kunstmarkt
11/04/2014

Der Rennfahrer am Auktionspult

Jussi Pylkkänen, Präsident von Christie’s, über die Geheimnisse hinter millionenschweren Auktionen.

von Michael Huber

Es war sein Hammer, der im November des Vorjahres den bis heute höchsten Preis für ein Kunstwerk – 142 Millionen US-Dollar für Francis Bacons „Three Studies of Lucian Freud“ – besiegelte. Zuletzt dirigierte Jussi Pylkkänen, Präsident von Christie’s für Europa, Russland, Indien und den Mittleren Osten, den Verkauf von 44 Werken aus der Sammlung Essl. Am 12. November wird er die New Yorker Abendauktion für Gegenwartskunst, das Top-Event der Herbstsaison bei Christie’s, leiten.

„Ein Teil der Faszination, Auktionator zu sein, ist, dass man die renommiertesten Leute trifft – aus der Immobilienbranche, aus Hollywood, aus der Industrie“, sagt der aus Finnland gebürtige, in Großbritannien aufgewachsene Oxford-Absolvent im KURIER-Gespräch. „Und man sieht sie alle aus derselben Perspektive: Sie alle haben eine Leidenschaft für Kultur und den Wunsch, großartige Kunstwerke zu erwerben.“

KURIER: Als Auktionator haben Sie direkten Kontakt zum Publikum. Doch viele Gebote werden via Telefon oder von Menschen abgegeben, die stellvertretend für jemand anderen im Saal sitzen. Wie können Sie da noch von Leidenschaft sprechen?

Jussi Pylkkänen: Dass jemand einen Agenten benutzt, der in einer Top-Auktion an seiner Stelle bietet, ist nicht neu. Oft ist das ein Sicherheitsventil, um zu vermeiden, dass man emotionsgetrieben zu hoch bietet. Doch viele Sammler wollen bei der Auktion dabei sein und sitzen entweder im Saal oder in einer unserer „Skyboxes“ (Beobachterkabinen, Anm.). Wenn meine Kollegen oder ich Gebote am Telefon annehmen, sitzt der Klient also oft nur 90 Meter weit weg – das entgeht der Presse häufig.

Haben Sie mit diesen Leuten dann Augenkontakt?

Nein, aber ich habe oft vor der Auktion mit ihnen gesprochen. 25 Jahre meines Lebens habe ich mit diesen Sammlern und Kuratoren verbracht, und oft fragen sie mich, wie hoch ein Werk meiner Meinung nach gehen wird. Ich habe da ein ganz gutes Gefühl dafür. Man weiß, dass gewisse Sammler ihr ganzes Leben lang nach einem bestimmten Werk gesucht haben, und wir sprechen oft mit ihnen darüber. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt, in dem sich der Kunstmarkt gewandelt hat: Die Zusammenstellung einer Auktion und die Jagd nach Objekten, die Sammler besonders begehren, ist viel intensiver geworden. Bei der Abendauktion in New York wird das besonders deutlich sein.

Sie haben also eine gute Vorstellung davon, wer für was bieten wird.

Eine sehr, sehr gute Vorstellung.

Wie können Sie als Auktionator Leidenschaften wecken?

Man muss den Leuten Zeit geben. Das mag nicht so aussehen – ein Objekt wird im Schnitt nur 90 Sekunden lang angeboten. Doch selbst da kann man einem Menschen, der ein wenig Bestätigung braucht, gerade jenes bisschen Zeit geben, das nötig ist, um ein Gebot abzugeben. Eine kleine Pause kann einen enormen Unterschied machen. Und bei den großen Objekten zögern Käufer sehr wohl. Wenn man sie gut kennt und weiß, dass sie dieses Werk sehr lange gesucht haben, kann man sie dazu ermuntern, stärker zu bieten.

Über welche Zeiträume sprechen Sie da?

Drei, vier Sekunden. Es ist eine interessante Dynamik. Ich sehe mir Auktionatoren auf der ganzen Welt an und studiere, wie sie ein Los verkaufen. Und ich denke oft an Rennfahrer, die alle mit über 300 Stundenkilometern fahren. Wie kann es sein, dass dieselben Leute immer gewinnen? Offenbar ist ihr Timing um das entscheidende Stück präziser.

Ab wann fühlten Sie sich in der Rolle des Auktionators wohl?

Ich fühle mich nicht wohl. Ich war 13 Jahre lang bei Christie’s, bevor ich meine erste Auktion leitete – und man weiß nie, ob man ein guter Auktionator ist, bis man auf diesem Podest steht. Ich weiß nur, dass es unmöglich ist, sich dort oben unnatürlich zu verhalten, genauso, wie man als Schauspieler oder Musiker unmöglich unnatürlich sein kann.

Das Preisniveau bei den Top-Auktionen wird immer höher. Hemmt oder fördert das die Lust der Bieter?

Als ich das Bacon-Triptychon in New York verkaufte, wusste ich, dass dieses Werk einen Rekord erzielen würde. Aber wenn man mir gesagt hätte, dass fünf Bieter über hundert Millionen Dollar gehen würden, hätte ich es nicht geglaubt. Man muss sich vor Augen halten: Für die Leute, die diese Meisterwerke kaufen, ist es die einzige Chance im Leben, dieses Objekt zu besitzen. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Werke bald wieder auf den Markt kommen. Das war immer schon die Triebkraft hinter hohen Preisen.

Für viele Leute ist es schwer zu begreifen, dass Kunstwerke so enorm viel kosten können.

Wenn man allerdings die Leute fragen würde, was die Mona Lisa wert ist, würden die meisten wohl sagen: Sie ist unbezahlbar. Wenn man 100 Jahre in der Zeit zurückgeht und den Preis, den Sammler damals für wichtige Gemälde Alter Meister zahlten, in Relation zum Preis von Häusern, zum generellen Lebensstandard und zum durchschnittlichen Einkommen setzt, war das Verhältnis im Grunde nicht anders als heute. Was allerdings stimmt, ist, dass heute mehr Menschen Kunst sammeln als je zuvor. Das macht die Werke bei einer Auktion unweigerlich teurer.

Auktionssaison: Ein Auftakt mit Misstönen

Heute, Dienstag, geht es los: In New York hält Sotheby’s die große Abendauktion der Sparte „Impressionismus & Moderne“ ab; Christie’s startet parallel in seiner Amsterdamer Dependance mit Verkäufen aus dem Nachlass des Oscar-Preisträgers Maximilian Schell und hält am Mittwoch seine Impressionismus-Auktion in New York ab.

Beide Häuser bieten ein Werk von Egon Schiele an, das aus der Sammlung des Wiener Kabarettisten Fritz Grünbaum stammt: Dieser wurde 1938 von den Nazis deportiert und starb 1941 im KZ Dachau. Seine Kunstsammlung, die 1955 in Teilen am Markt auftauchte, stellt Provenienzforscher bis heute vor Probleme.
Christie’s entschloss sich, Grünbaums Erben am Erlös des Aquarells „Stadt am blauen Fluss (Krumau)“ von 1910 zu beteiligen. Während Opferverbände dies gutheißen, kommt Kritik vomLeopold Museum, das – wie auch dieAlbertina– mehrere Schieles aus Grünbaum-Besitz sein eigen nennt: Die für Provenienzfragen zuständige „Michalek-Kommission“ habe hier entschieden, dass Grünbaums Sammlung nie Raubkunst gewesen sei.

Die Erben erkennen den Beschluss nicht an: bereits die Vollmacht, in der der inhaftierte Grünbaum 1938 alle Verfügungsgewalt auf seine Frau übertrug, sei erzwungen gewesen. Man habe aber keine Rechtsgrundlage für eine Anfechtung, erklärt Herbert Gruber vom „Büro für Genealogie“, der für die Erben Forschungen anstellte.

Auch das bei Sotheby’s angebotene Schiele-Blatt „Sitzende mit angezogenem linken Bein“ (1912) hat eine lange Vorgeschichte bei US-Gerichten. Ein Berufungsgericht sprach das Bild schließlich dem Sammler David Bakalar zu, der es 1963 gekauft hatte. Allerdings fußt der Beschluss auf einer abgelaufenen Verjährungsfrist; Der Raubkunst-Verdacht bleibe aus Sicht der Erben bestehen.

Warhol-Dilemma

Auch vor der „Postwar and Contemporary“-Auktion von Christie’s am 12. 11. gibt es Streit: Eine Casino-Betreiberfirma, die dem Bundesland Nordrhein-Westfalen gehört, hatte zwei Warhol-Bilder zur Auktion eingebracht und wurde dafür heftig kritisiert – es handle sich um den Verkauf öffentlichen Guts. Kritiker hoffen, dass Ausfuhrverbote den Verkauf verhindern können. Christie’s-Chef Pylkkänen erklärt auf Anfrage, er gehe von einer Versteigerung „nach Plan“ aus.
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