Kultur
06.06.2017

Der Chronist des Grauens

Der deutsche Journalist Carsten Stormer ist einer der wenigen westlichen Reporter, der aus der Kriegshölle in Syrien berichtet. Seine Reportagen sind jetzt in Buchform erschienen. Ein schonungsloses, wie verstörendes Zeitdokument.

Vielleicht muss man einfach nur Glück haben. Carsten Stormer hat anscheinend viel davon gepachtet. Seit Jahren berichtet der 44-Jährige von den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Stormer reist dorthin, wohin sich nur wenige Reporter trauen, nach Afghanistan, in den Irak, in den Südsudan, nach Kambodscha und die vergangenen Jahre mehrmals nach Syrien. Es ist ein Job ohne Sicherheitsnetz, selten kalkulierbar, ein Job der vielen Reportern, die wie Stormer direkt von den Frontlinien berichten, das Leben gekostet hat.

Einer davon war James Foley, der amerikanische Journalist wurde 2013 in der Nähe von Aleppo entführt und 2014 von IS-Mördern vor laufender Kamera enthauptet. Im Bombenhagel von Aleppo lernte Stormer ihn kennen, arbeitete mit ihm zusammen, sie schmiedeten Pläne für gemeinsame Projekte. Noch bevor eine tiefere Freundschaft entstehen konnte, schreibt Stormer in seinem Buch, wurde Foley getötet. Es ist eine der vielen grauenhaften Passagen in seinen Berichten aus Syrien, die den Wahnsinn dieses seit nunmehr fast sieben Jahren andauernden Krieges dokumentieren. Er habe Sachen gesehen, erzählt Stormer, die man als Mensch nicht sehen sollte: „Kinder, die vor einem verbrennen oder im Krankenhaus sterben, Zivilisten die von Scharfschützen erschossen werden, Hubschrauber, die Fassbomben auf Krankenhäuser und Zivilisten abwerfen.“

In insgesamt 24 Kapiteln zeichnet Stormer das Bild eines Krieges, das mit der Zivilbevölkerung nur einen Verlierer kennt. In seinen Berichten gibt Stormer den Menschen in Syrien eine Stimme, holt sie aus der Anonymität klinischer TV-Nachrichten und stereotyper Agenturmeldungen, die nicht einmal ansatzweise vermitteln können, wie dramatisch die Lage in Syrien wirklich ist. Er erzählt von Ärzten, die in Aleppo unter katastrophalen Umständen in zerbombten Kellern versuchen Leben zu retten, vom ehemaligen Elektroingenieur Abu Yazan, der einfach nur helfen will und zu einem der vielen unbekannten Helden des Krieges aufsteigt, er begleitet Rebellen an die Front, oder diskutiert mit jungen Islamisten, mit denen er ein paar Tage in einer Wohnung ausharren musste, bis er wieder über die Grenze in den Libanon geschmuggelt werden konnte. Stormer tritt in seinen Reportagen nie in den Vordergrund, sondern reduziert sich auf die Rolle des Erzählers. Das können nur wenige Autoren, aber diese Erzählweise macht das Buch noch stärker und authentischer. Nur ab und an, gut dosiert, schreibt Stormer über Persönliches, über den Tod seines Vaters, die Geburt seines Sohnes. Die Passagen zeigen einen Autor, der mit jeder Reise in den Krieg anscheinend ein wenig nachdenklicher und reflektierter geworden ist, und vielleicht manchmal ahnt, wieviel Glück er bislang wirklich hatte.

Über den Autor: Carsten Stormer, Jahrgang 1973, studierte Journalistik in Bremen. Seit 2008 lebt er auf den Philippinen und schreibt aus Asien, dem Nahen und Osten und aus Afrika für den Spiegel, Focus, Stern und FAS. Er filmt Reportagen für den Weltspiegel, Arte und Auslandsjournal.
Über das Buch: Carsten Stormer. Die Schatten des Morgenlandes. Verlag Lübbe/2017