Kultur
05.02.2018

Depeche Mode in Wien: Nach Anlaufphase großartig

Der übliche Triumphzug kam für das Trio in der Stadthalle erst zum Schluss.

Es dauerte diesmal eine Weile, bis Depeche Mode beim Konzert Sonntagabend in der Wiener Stadthalle so richtig in Fahrt kamen. Und das, obwohl die „Global Spirit“-Tour alles hat, was sich Fans mittlerweile von Sänger Dave Gahan, Gitarrist Martin Gore und Keyboarder Andrew Fletcher erwarten: Anspruchsvollen, elektronischen Rock, der perfekt gespielt ist. Dazu eine spektakuläre Video-Show gestaltet von Langzeit-Kollaborateur Anton Corbijn. Und einen Frontmann, der unermüdlich läuft, tanzt und mit seiner ebenso schönen wie mystisch dunklen Stimme die oft düsteren, Songthemen ideal umsetzt.

Auch in der Stadthalle ist Gahan von Anfang an im Fokus der Show: Allerdings wirkt er anfangs zögerlicher, als man ihn auf dieser Bühne schon gesehen hat. Ja, die Stimme ist nach wie vor gut, hat nicht unter den endlosen Tourneen gelitten. Und bewundernswert fit ist der 55-Jährige ohnehin. Er tänzelt wie üblich seine Ballett-Tänzer-Schritte, läuft über den Balkon, der in die LED-Wand am Bühnehintergrund eingebaut ist, dreht Pirouetten und schwingt dabei den Mikrofonständer. Aber so richtig mit Feuereifer bei der Sache scheint er in der ersten Hälfte nicht zu sein.

Auch wenn da schon Hits wie „Barrel Of A Gun“ und „Precious“ dabei sind, springt der Funke - noch - nicht über. Die Routine und die Perfektion einer der besten Live-Bands der Welt machen das Konzert an dieser Stelle gut. Unterstützt werden Depeche Mode nach wie vor von dem hervorragend präzisen österreichischen Drummer Christian Eigner. Dazu kommen die Videos von Anton Corbijn, die mit ihrer simplen, klaren, aber eindringlichen Bildsprache Songs wie „Useless“ oder „In Your Room“ perfekt illustrieren.

Ein erster Höhepunkt ist „Cover Me“, einer der besten Songs von „Spirit“, gefolgt von „Insight“ aus dem „Ultra“-Album von 1997. Martin Gore übernimmt dafür das Mikro, zeigt dabei _ einzig und allein begleitet von Tour-Tastenmann Peter Gordeno am Klavier, was für ein seelenvoller Sänger er ist. Aber auch, dass er für einen die Massen dirigierenden Frontmann etwas zu schüchtern ist. Und nach „Home“ – ebenfalls von Gore gesungen – lassen sich Gahan und Co. erstmal vom Wiener Publikum diktieren, was kommt. Denn die Fans singen noch Minuten nach Song-Ende beharrlich das hymnische Gitarrenriff weiter, so dass die Band noch einmal mit einsteigt.

Damit hebt sich die Stimmung rasant. „Stripped“ und „Enjoy The Silence“ (mit einem Video, das Tiere wie Hund, Hase und Pferd in knallbuntem Licht zeigt) ist dann der übliche Triumphzug. Gahan dreht wieder seine Pirouetten, nein, jetzt wirbelt er sie - furios und feurig, wie man es von ihm gewohnt ist, mit jeder Faser seines Körpers und seines Wollens leidenschaftlich bei der Sache. Eigner soliert wie rabiat und nur Andrew Fletcher steht immer noch stoisch und unbeeindruckt hinter seinen Keyboards.

„Personal Jesus“ und „Walking In My Shoes“ in der Zugabe treiben dann im Hexenkessel der Stadthalle allen wohlige Schauer über den Rücken. So kennt man Depeche Mode, so liebt man sie. Schön, dass sie nach wie vor so eine Euphorie entfachen können. Mit so einem fulminanten Schluss, ist die längere Anlaufphase schnell vergeben und vergessen.

KURIER-Wertung: