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Interview
09/29/2019

Deichkind im Interview: "Die linke Szene hat sich verrannt"

Sebastian "Porky" Dürre spricht über die Verwirrung der Zeit und die fantastische Müllsack-Schnapsidee.

von Brigitte Schokarth

Weil die Frage „Wer sagt denn das?“ eine Pause schafft, in der das Pöbeln aufhört und Raum zu Nachdenken und Argumentieren entsteht, haben Deichkind ihr neues Album so genannt. Denn Argumente, sind sie überzeugt, sind besser als Parolen.

 

Im Sound sind Deichkind mit „Wer Sagt Denn Das?“ dem von ihnen kreierten Tech-Rap treu geblieben. Auch textlich wird, wie immer genauso humorvoll wie kritisch, alles aufs Korn genommen, was die Gesellschaft derzeit bewegt – von den Auswirkungen der Digitalisierung über die Freuden und Leiden beim Partymachen bis hin zum Rechtsruck. Im KURIER-Interview erzählt Sebastian „Porky“ Dürre, der zusammen mit Philipp „Kryptik Joe“ Grütering der kreative Nucleus der Band ist, warum Deichkind trotz ihres sozialen Bewusstseins „diffus“ bleiben wollen.

 

KURIER: Ihre neuen Songs sind wie immer zweideutig und ambivalent. In „Quasi“ machen Sie sich aber über jemanden lustig, der sich nicht festlegen will. Selbstironie?

Sebastian „Porky“ Dürre: Dieser Song ist eine Beschreibung der inneren Zerrissenheit, die unsere Zeit prägt. Die großen gesellschaftlichen Themen heutzutage sind Verwirrtheit und Ohnmachtsgefühle. Das kommt, weil man dauernd zum Handy greift und sich darin verliert. Früher gab es Kriege und Hunger. Trotzdem ist man aber in seiner Brust geblieben und nicht irgendwo hin geflattert und nicht wieder zurückgekommen. Und wenn du keinen Kontakt mit dir selbst hast, kannst du keine klare Meinung haben, dann ist das immer nur ein schwammiges Vermuten. Das ist ein Thema, das sich durch das ganze Album zieht: Diese Entwurzelung, die mit der Digitalisierung einhergeht. Das entwickelt sich alles so enorm schnell, dass wir das erst noch mit der Humanität angleichen müssen.

 

Auf der anderen Seite steht aber eine viel stärkere politische Polarisierung. Das Deklarieren, ob man links oder rechts ist, ist in den letzten Jahren wichtiger geworden.

Das liegt an der Verdichtung des Egos, die in den sozialen Medien stattfindet. Was im Unterbewusstsein ankommt, wenn du dort nicht Recht hast, ist ein schreckliches Ohnmachtsgefühl und der Fluchtimpuls. Unbewusste Menschen gehen dann den einfachen Weg und schauen sich nichts mehr an, was sie nicht kennen. Rassismus ist Angst vor dem Fremden. Aus dem Schock heraus werden Fakten vereinfacht und Diskurse abgeblockt. Dadurch kriegen die Populisten die Chance, ihre Schäfchen abzugreifen.

 

Mit Auftritten bei Anti-Pegida-Demos oder „Refugees Welcome“-Pullis deklarieren Sie sich klar. Warum wollen Sie dann in den Songs – wie Sie es nennen – „diffus“ bleiben?

Wir haben einen kulturellen, künstlerischen Auftrag. Wir sind nicht angetreten, um eine politische Band zu sein. Das wäre mir an vielen Stellen zu engstirnig. Die linke Szene kommt ja auch an ihre Grenzen und hat sich, wie ich meine, verrannt. Das ist wie der Krieg im Nahen Osten: Da folgt Vergeltungsschlag auf Vergeltungsschlag, und Hass und Gewalt werden immer schlimmer. Du musst eine Möglichkeit finden, aus diesem Kreislauf der mentalen Reinkarnation auszubrechen, die zu Gewalt und Straßenschlachten mit Rechtsradikalen führt. Aber gut, wir als Band wollen jedenfalls allen Spaß machen. Wenn wir dabei ein bisschen an dem Stock im Arsch von zwanghaft verkopften Feuilletonisten rütteln können . . . umso besser!

 

Ein Schlüsselmoment in Ihrer Karriere war, als Sie für eine Show aus einer in den Garderoben rumliegenden Müllsack-Rolle Bühnen-Outfits bastelten. Können Sie sich noch daran erinnern?

Sehr genau sogar. Wir nannten das die „Fuck-Off“-Outfits, weil wir alle dachten, das wird unser letzter Auftritt sein. Die anderen hatten eine gescheiterte Hip-Hop-Band vorzuweisen. Ich hatte eine gescheiterte Karriere als Berufsmusiker, war ausgebrannt vom Arbeiten mit irgendwelchen Schlagerfuzzis, was ich brauchte, um Geld zu verdienen. Wir dachten, wir zerschlagen unsere Musikkarriere und stehen dann vor dem Nichts. Das hatte so einen Frieden, weil es keine Vergangenheit und keine Zukunft gab. Das werde ich mein ganzes Leben nicht vergessen. Die ersten Jahre mit Deichkind waren fantastisch – die pure Freiheit.

 

Und jetzt ist es ein Job geworden und nicht mehr fantastisch?


Oh doch! Es ist fantastisch, was aus so einer Schnapsidee geworden ist. Dass ich mit abgebrochenem Schulabschluss und Null Karriere-Chancen – genau wie meine Bandkollegen – in ein Projekt gefallen bin, das so aufgeht und so breit wird. Unsere Familien sind abgesichert. Und wir haben uns über  all die Jahre die geistige Gesundheit bewahren können, weil wir aufeinander aufpassen. Ich sehe viele Künstlerfreunde, die in Not geraten, weil niemand da ist, der sie bei der Balance zwischen Erwachsensein und Künstlerleben an die Hand nimmt. Sie werden ausgenommen und wieder losgeschickt, obwohl sie gar nicht mehr können. Wie Avicii oder Amy Winehouse. Wir haben uns eine gesunde Business-Basis schaffen können.  Und mit den Müllsäcken hat uns das Schicksal die richtige Rolle im richtigen Moment hingelegt. Das haben wir uns  nicht ausgedacht, das ist einfach so passiert.

INFO:

Deichkind sind Anfang nächsten Jahres auf Tournee und kommen am 21. Februar auch in die Wiener Stadthalle. Karten gibt es unter www.oeticket.com

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