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Kultur
08/09/2020

Deep Purple: Wusch, und weg sind 50 Karriere-Jahre

Bassist Roger Glover spricht im KURIER-Interview über weinende Fans, die kaputte Schulter und das neue Album "Whoosh!"

von Brigitte Schokarth

Ein einsamer Mann, der im Raumanzug über eine blutrote Erde geht. Verwüstete Geisterstädte, die langsam von der Natur überwuchert werden. Der Erde gereinigt von der Menschheit.

Dieses apokalyptische Bild zeichnen Deep Purple mit dem Video und dem Text von „Man Alive“, der ersten Single aus ihrem Freitag erschienenen 21. Studioalbum „Whoosh!“. „Wir leben in extrem beängstigenden Zeiten“, erklärt Bassist Roger Glover im KURIER-Interview.

„Man hat das Gefühl, dass die Welt am Rande der Zerfalls steht. Aber wenn die Leute immer sagen: ,Rettet den Planeten’: Ich bin der Meinung, wir Menschen müssen gerettet werden. Denn wenn man sich die Geschichte des Planeten in kosmischen Zeiträumen ansieht, ist die Periode der Menschheit winzig. Der Planet wird sich regenerieren und okay sein, lange nachdem wir ausgerottet sind. Der Titel ,Whoosh!’ soll diese winzige Zeitspanne verdeutlichen, zeigen, dass alles vergeht – manchmal viel schneller, als uns lieb ist.“

Wie schon der Vorgänger „Infinite“ von 2017 ist auch „Whoosh!“ voll mit mystischen Geschichten, die mit fantasievollen Bildern auf die Zeichen der Zeit eingehen.

Musikalisch verpacken Glover und seine Band das mit einer stilistischen Bandbreite, die von Blues und Boogie über klassische Elemente bis hin zum typischen Deep-Purple-Rock reicht.

Diese Vielfalt, sagt Glover, habe die Band selbst überrascht. Denn Pläne machen er, Sänger Ian Gillan, Gitarrist Steve Morse, Drummer Ian Paice und Keyboarder Don Airey nie. Sie jammen. Und was dabei rauskommt und Spaß macht, wird ein Song.

Diese Authentizität, sagt Glover, sei auch das Geheimnis des Erfolges von Deep Purple: „Ich war davor mit Ian Gillan in der Band Episode Six. Da hätten wir jede Art Musik gespielt, nur um in die Charts zu kommen, was aber nie klappte. Erst bei Deep Purple ist mir aufgegangen, dass es nicht um Hits, sondern nur darum geht, sich in der Musik auszudrücken. Das haben wir gemacht. anfangs wussten wir gar nicht, wieso wir damit erfolgreich waren. Zumal die BBC damals nie so etwas Lautes wie uns im Radio gespielt hätte.“

Mittlerweile ist der Deep-Purple-Sound mit Klassikern wie „Smoke On The Water“, „Highway Star“, „Black Night“ und „Child In Time“ Fixpunkt in allen Classic-Rock-Stationen. Auch wenn Glover heute immer wieder auf diese Klassiker angesprochen wird, ist er stolz darauf, sie mitgeschrieben zu haben. „Einmal fragte mich jemand: ,Warum schreibst du keine Songs wie ,Highway Star’ mehr?’ Ich sagte: ,Ich denke, das tun wir.’“

Schmerzen solche Kommentare? „Nein, das schmerzt den Typen mehr als mich. Ich verstehe auch nicht, warum manche sagen, dass solche Welthits ein Fluch sind. Für mich sind sie nur Segen. Sie haben mir eine lebenslange Karriere gegeben.“

Auch, dass er immer wieder auf die Zeit mit Gitarrist Ritchie Blackmore angesprochen wird, der 1993 ausgestiegen war, stört ihn nicht. Aber: „Ich will Ritchie nicht schlechtmachen. Ja, es war nicht leicht, mit ihm zu arbeiten und noch schwieriger, mit ihm zu leben. Aber er ist ein grandioser Musiker, und ich bin höllisch stolz darauf, mit ihm gespielt zu haben.“

50 Karriere-Jahre haben Deep Purple jetzt schon hinter sich. Auch darauf, dass es der Band vorkommt, als wäre dieses halbe Jahrhundert wie im Flug vergangen, bezieht sich der Albumtitel „Whoosh!“. Vielleicht hat Glover auch deshalb immer noch keinen Bezug zum eigenen Legendenstatus.

„Wir machen, was gerade zu tun ist, sind im Studio oder auf Tour. Aber das fühlt sich nicht so glorios an, wie Außenstehende denken. Wir werden nur in manchen Momenten darauf gestoßen. Ich erinnere mich, als ich einmal nach dem Soundcheck zu einer Gruppe von rund zehn Fans ging. Wir machten Fotos und plauderten. Aber einer stand hinten, sagte nichts und hatte Tränen in den Augen. Ich sagte: ,Bist du okay?’ Er antwortete: ,Du bist der berühmteste Mensch, der mir je begegnet ist!’“

Das sagt Glover, habe ihn umgehauen. Aber auch an sich selbst erinnert, als er mit 15 Jahren in der Schule davon träumte, Musiker zu werden, ein großer Fan der Shadows war und herausfand, dass deren Gitarrist, Bruce Welch, in der Nähe der Schule wohnte: „Wir haben uns aus der Schule davongestohlen, sind zu dem Haus und haben es beobachtet. Für mich hatte das Magie: Die Türe, durch die Bruce Welch geht! Dann kam er in einem Auto an und entdeckte uns. Wir sagten, wir sind Fans der Shadows. Darauf er: ,Na dann kommt rein!’ Er lud uns tatsächlich in sein Wohnzimmer ein und plauderte eine Stunde mit uns. Danach war ich ein noch größerer Fan.“

Anders als vor drei Jahren denken Deep Purple jetzt nicht mehr ans Aufhören. „Damals hatten wir alle gesundheitliche Probleme. Ich hatte mir die Rotatorenmanschette in der Schulter gerissen und spielte damit ein ganzes Jahr eine Tour fertig, bevor ich die Operation hatte. Das war mühsam und schmerzhaft. Und so etwas gibt dir natürlich zu denken. Aber mittlerweile geht es uns allen wieder gut. Und auch wenn wir nie Pläne machen: Ich finde, unsere Bandgeschichte zeigt, dass es uns irgendwie bestimmt ist, zusammen zu sein.“

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