Kultur
13.04.2017

Deep Purple: Von Bikern durch Wien gejagt

Sänger Ian Gillan über Altersweisheit, Groupies und Ritchie Blackmore.

"InFinite" haben Deep Purple ihr soeben erschienenes Album genannt. Die Tour, mit der die legendäre Hard-Rock-Band am 17. Mai auch in die Wiener Stadthalle kommt, heißt "The Long Goodbye". Im Interview mit dem KURIER erzählt Sänger Ian Gillan von Gedanken an die Pension und den tollen Möglichkeiten, die ihm die Gitarren-Soli boten, die in der Anfangsphase der Karriere von Deep Purple extrem lang waren.

KURIER: "InFinite" und "The Long Goodbye" – die Titel sagen konträre Dinge aus. Wollen Sie sich damit offenlassen, ob das Ihr letztes Album und Ihre letzte Tournee ist?

Die Wahrheit ist, dass wir alle schon ein bisschen alt geworden sind. Und es wird die Zeit kommen, wenn wir aufhören müssen. Irgendwann wird einer von uns sagen: "Ich kann das nicht mehr machen!"

Hat das schon jemand gesagt?

Nein, eigentlich hat das von uns Musikern noch keiner gesagt. Es waren eher die Leute von der Plattenfirma und die Konzertveranstalter, die uns gefragt haben: "Wollt ihr danach aufhören?" Wir sagten: "Eigentlich nicht!" Aber weil wir in Deep Purple nie weit vorausplanen und wir auch nicht immer die Kontrolle über alle Aspekte der Karriere haben, ist es dann die "Long Goodbye"-Tournee geworden. Und Sie haben vollkommen recht: Wir sind da absichtlich ein bisschen nebulos. Denn nach einem Leben im Tonstudio und auf der Bühne ist es extrem schwer ... Ich meine, ich habe viele andere Projekte und genug zu tun, wenn es Deep Purple einmal nicht mehr gibt. Aber das kann nie dasselbe sein.

Warum verwenden Sie als Textautor auf "InFinite" viele Bilder, während Sie früher sehr konkrete Situationen beschrieben haben? In Ihrem Hit "Smoke On The Water" ging es zu Beispiel um einen Brand am Genfer See, als Sie dort im Studio waren.

Als Teenager schreibst du über Mädchen, die leicht zu haben sind, Partys, schnelle Autos, die Liebe und auch deine jugendliche Wut. Aber wenn du dann älter wirst, ist das peinlich. Ich habe erst mit 50 einen guten Weg gefunden, mich philosophisch und metaphorisch auszudrücken. Die Inspiration kommt jetzt vor allem von meiner Wut. Ich war als junger Mann wütend, im mittleren Alter selbstgefällig und jetzt bin ich wieder wütend. Ich knurre und schreie, wenn ich die Nachrichten im TV sehe. Deshalb beschäftige ich mich jetzt mit Themen wie Privilegien, Versuchung und Gier.

Das heißt, Sie würden nicht mehr damit prahlen, sich während der langen Soli von Ritchie Blackmore mit den Groupies vergnügt zu haben?

Einmal hatte ich während eines Solos sogar auf der Bühne unter dem Klavier Sex, weil es mit einem Tuch abgehängt war. Ich war auch einmal in einem Pub, das vor der Backstage-Tür war, habe einem unserer Roadies gesagt, er soll mich warnen, wenn das Solo zu Ende geht. Aber mein Gott – wir hatten halt Spaß. Das Leben auf Tour war eben so großartig – und das ist es immer noch. Aber heute würde ich darüber nicht mehr im Detail sprechen.

Sie haben eine Doku über die Entstehung von "InFinite" gedreht. Ist das schon ein Vorbote für das 50-Jahr-Band-Jubiläum, das nächstes Jahr ansteht?

Nein, gar nicht. Da ging es nur darum, die zweite Phase der Karriere zu dokumentieren, denn das wurde nie zuvor gemacht. Obwohl Ritchie Blackmore schon 1993 ausgestiegen ist, hat sich alles immer nur auf diese frühe Zeit konzentriert.

Geht Ihnen das auf die Nerven, weil es eine extrem schwere Zeit war? Sie sagten einmal, dass die Sonne aufgegangen ist, als Ritchie weg war.

Ritchie war mein Zimmer-Kolleg, aber wir haben uns verkracht und in den 80ern sind die Streitereien echt hässlich geworden. Aber nachdem er weg war, hat es als Musiker und Partner – als geschiedene Leute sozusagen – nicht lange gedauert, bis wir das beide überwunden hatten. Aber dann ging es über die Jahre in jedem Interview nur um diese Streitereien. Das war so, als würde immer wieder jemand neu in einer Wunde rumbohren, die am Heilen ist und in der Folge nicht heilen kann. Aber seit einigen Jahren haben Ritchie und ich überhaupt kein Problem mehr.

Sprechen Sie denn miteinander?

Wir haben nicht wirklich mit einander gesprochen. Wir schreiben immer wieder eMails und tauschen Botschaften des gegenseitigen Respekts aus. Aber mit seiner Ex-Frau würde man ja auch nicht essen gehen, wenn man eine neue Familie hat. Lassen Sie es mich so formulieren: Wir haben unsere Probleme ausgeräumt, und es gibt jetzt keine Feindseligkeit mehr.

Es ist jetzt fünf Jahre her, dass Ihr früherer Keyboarder Jon Lord gestorben ist. Vermissen Sie ihn?

Nein. Denn ich spreche noch jeden Tag mit ihm. Als wir in all den Jahren zusammen im Tourbus, im Hotel oder in Flugzeugen waren, haben wir immer zusammen Kreuzwort-Rätsel gelöst. Dabei hatte immer ich den Stift in der Hand. Jon hat sich jedes Mal darüber aufgeregt, wie ich das D schreibe, sagte, das sieht aus wie ein O. Noch heute mache ich jeden Tag ein Kreuzworträtsel, um mein Hirn fit zu halten. Und jedes Mal, wenn ich den Buchstaben D schreibe, denke ich an Jon und sage "Hallo!"

Sie hatten fantastische Auftritte hier in Wien. Was ist Ihre liebste Erinnerung an diese Stadt?

Dass mich die Hells Angels durch die Straßen gejagt haben! Das war in der Zeit, als alle dachten, die Hells Angels werden die Security in der Rock-Szene übernehmen. Ich kam auf die Bühne und vorne am Rand standen 15 Biker – Gesicht zum Publikum, die Arme verschränkt und mit aggressivem Blick. Alle dachten, das wäre unsere Security, die hatten aber absolut nichts mit uns zu tun. Und weil ich das Publikum nicht sehen konnte, habe ich sie einen nach dem anderen von der Bühne ins Publikum gestoßen. Das haben sie uns übel genommen. Sie haben nach dem Konzert auf uns gewartet und uns durch die ganze Stadt gejagt. Es war zum Totlachen.