Kultur
16.03.2012

Davide Longo: Noch ist "der aufrechte Mann" da

Der Untergang Italiens. Fast nur noch Barbaren sind im Land. Außerhalb offensichtlich auch: Grenzsoldatenschießen auf die Flüchtlinge.

Das will man nicht lesen. Man hat genug geschluchzt, als Vater und Sohn in Cormac McCarthys "Die Straße" versuchten, im apokalyptischen Amerika ans Meer zu gelangen, damit vielleicht ein Schiff kommt und sie rettet.

"Sind wir immer noch die Guten?", fragte der Bub.

"Ja. Wir sind immer noch die Guten."

"Und das werden wir auch immer sein."

"Ja. Das werden wir immer sein."

Das war alttestamentarisch und minimalistisch, und wenn Hungernde ein Neugeborenes am Spieß drehten, dann war das nur aus der Ferne zu sehen.

... und jetzt der 40-jährige Italiener Davide Longo, der die Literatur seines Landes endlich wieder interessant macht. Jetzt zeigt er uns das Ende. Das Ende Italiens.

"Der aufrechte Mann" marschiert mit seiner Tochter im Schnee zur ligurischen Küste. Anfangs ist auch der kleine Sohn seiner Exfrau dabei. Aber der gehört nicht zu den Guten.

Zuletzt marschieren ein Elefant und eine Eselin mit.

Es hat Krieg gegeben. Wer konnte, war nach Frankreich oder in die Schweiz geflüchtet. Mittlerweile sind die Grenzen zu. Die Grenzsoldaten schießen. Es wird geplündert, vergewaltigt, gemordet, von "Externen" ebenso wie von Einheimischen. Es gibt kein Geld mehr, kein Benzin, kein Brot.

Finger

Der Unterschied zum Amerikaner Cormac McCarthy ist: Man steht mit offenem Mund unmittelbar daneben, wenn zum Beispiel eine Bande ihre Gefangenen auffordert, die eigenen Finger abzuhacken.

Immer zwei. Zuerst hackt der eine Gefangene (und tut er’s nicht, wird er umgebracht), dann der andere. Was, wenn Vater und Sohn gegeneinander antreten müssen?

Man will es nicht lesen.

Das muss man gelesen haben. Der Unterschied zu McCarthy ist auch: Trotzdem bleibt in diesem zerstörten, fast nur noch von Barbaren bevölkerten Italien ein Lied von Leonard Cohen übrig; und an ein Gedicht von Rilke erinnern sich einige wenige. Noch ist Kultur im Land.

Noch ist "der aufrechte Mann" da. Die Hauptfigur bei Davide Longo IST Kultur. Leonardo war Schriftsteller und Uniprofessor.

Er muss ähnlich bekannt sein im fiktiven Italien wie es Umberto Eco im realen ist.

Als Uniprofessor hatte er ein Verhältnis mit einer Studentin. Dürfte seinerseits die große Liebe gewesen sein. Sie hat ihn erpresst. Da hat er zu schreiben aufgehört.

Im Notstand hält sich der 52-Jährige für völlig unzulänglich. Aber er geht immer aufrecht. Er muss für unter Drogen stehende aggressive Jugendliche auf glühenden Kohlen tanzen. Er tut es aufrecht. Zum Clown wird Leonardo nie.

Er hackt sich für diejenigen, die er beschützen will, nicht nur Finger ab.

Und milde ist er. Ruhig. Überlegt. Letztlich überlegen. Die vielen Bücher, die er las, waren nicht unbrauchbar für das neue Leben.

Unsere heutige Welt ist eine, die mit dem Wort "mit" gekennzeichnet wird. Die Welt in etwa 20 Jahren, in die uns Davide Longo hineinstellt, ist am besten mit dem Wort "ohne" beschrieben.

Aber ein paar könnten es schaffen, (Mit-)Mensch zu bleiben. Oder Elefant und Eselin. Die sind sowieso die Besten.

Peter Pisa

KURIER-Wertung: ***** von *****

Sigrid Combüchen – "Was übrig bleibt"

Die Schweden sind ein bemerkenswertes Volk. Dass ein Buch wie "Was übrig bleibt" Bestseller ist, noch dazu mit dem Untertitel "Ein Damenroman" ...! Er wird auf Seite 331 erklärt: Die Ich-Erzählerin (die mit der Schriftstellerin Sigrid Combüchen nichts zu tun hat, behauptet diese im Nachwort) bespricht mit Mitreisenden im Zug ihr neues Buch. Das Gespräch wird mühsam, sie sagt provokativ, sie schreibe einen "Damenroman", der von "Kleidern, Aussehen und Illusionen über die Liebe handelt" .

Das kommt tatsächlich alles vor. Doch es wird keine Prinzessinnenstory. Hedda, geboren 1918 in der schwedischen Provinz, geht mit 18 nach Stockholm, wird Schneiderin, verliebt sich, hat viel Sex, heiratet. Sie ist leidlich hübsch, blond (gefärbt) und macht einige Wochen lang Filmkarriere. Ihr kleiner Bruder stirbt an Krebs. Die älteren Brüder, Regisseur und Arzt, leben ihr eigenes Leben.

Hedda, einst begabte Latein- und Mathematikschülerin, darf nicht einmal im Traum an ein Studium denken, schon die Ausbildung zur Schneiderin (bei einer Freundin von Goebbels) muss sie ihren Eltern abringen. Die würden sie am liebsten daheim in der Küche sehen. Das ist besonders verwerflich, weil Heddas Mutter einst ein anderes Leben geführt hat und nicht immer das vermeintlich brave Hausmütterchen war.

Heddas Leben wird auf mehreren Erzähl­ebenen nachgezeichnet. Heute ist sie eine alte Dame, die in einem anderen Roman der Schriftstellerin ein Foto ihres Elternhauses erkannt hat und ihr daraufhin schreibt. Ein ungewöhnlicher Briefwechsel entsteht. Hedda ist eine ungewöhnliche Person.

Was man vorwerfen kann: Manches ist sehr gewollt. Heddas Originalität ebenso wie die Form des Romans. Erzählt werden Heddas Geschichte und parallel die Entstehung des Romans. Combüchen bricht Sätze ab, führt sie im nächsten Absatz weiter. Schön ist, wie sie vorgreift. Wir wissen über manches, wie den berührenden Tod des Bruders, bereits zu Beginn Bescheid, erzählt wird er erst später.

Am Ende möchte man Heddas Leben noch nicht verlassen.

Barbara Mader

KURIER-Wertung: **** von *****

Carl Djerassi – "Tagebuch des Grolls"

Es ist ja nicht so, dass "Ein Tagebuch des Grolls 1983–1984" den weltberühmten Chemiker zum ersten Mal als Lyriker zeigt.

Längst hat er bewiesen, dass er nicht nur in der Wissenschaft verdichten, konzentrieren und destillieren kann.

Trotzdem ist es für Carl Djerassi, in eigenen Worten "Mutter der Antibabypille", derart wichtig, dass er sogar kurz vor einer Operation in Kalifornien Fragen zum Buch per Mail beantwortet.

Ja, er ist eitel. Ja, er ist arrogant. Das gibt der 88-Jährige nicht nur zu, sondern hat darüber geschrieben; mitunter selbstkritisch. Und jetzt will der 1939 aus Wien in die USA Geflüchtete wissen, ob in diesen sehr persönlichen Gedichten mehr entdeckt wird als bloß seine Verletzlichkeit.

Wieso noch "mehr"? Verletzlichkeit ist interessant; und auch diese nachträgliche Unsicherheit, ob ein Chemiker ein "schlechter" Mann sei: "Umfasse ich deine Arschbacken / Wie bauchige Rundkolben? / Sauge ich an deiner Zunge / Wie an einer Pipette?"

Djerassis Muse war der Groll, als er das Tagebuch dichtete. (Kürzlich hat er es in einer Lade gefunden und überarbeitet.) Seine Lyrik war Rache. Sie entstand, als die Geliebte fortging, wegen eines anderen Mannes. Ein Jahr später kam sie zurück. Man heiratete 1985. Sie starb 2007, obwohl 22 Jahre jünger als er. Diane Middlebrook hatte ihn beflügelt. Sie hätte nichts gegen das Buch gehabt, dessen ist sich Djerassi sicher.

Und wir? Werden berührt und sind bloß ein bissl verwundert, wie sich ein weltberühmter Wissenschaftler öffentlich in freien Versen zu menscheln erlaubt.

Buchpräsentation ist am kommenden Dienstag ab 18.30 Uhr in der Albertina, der er Dutzende seiner Paul-Klee-Bilder geschenkt hat.

Am 22. März liest er in der Wiener Buchhandlung Shakespeare and Company (Sterngasse 2, 19.30 Uhr).

Das Tagebuch erscheint zweisprachig.

Peter Pisa

KURIER-Wertung: **** von *****

Andrea Camilleri –"Die Münze von Akragas"

Vom heute 86-jährigen Sizilianer erscheinen jedes Jahr drei, vier Romane. Und Camilleri hat noch einen Koffer voller Manuskripte in Rom versteckt, falls er einmal tot sein sollte. Die Figur, die ihn berühmt machte, ist Commissario Montalbano (bisher 18 Krimis, vier noch nicht übersetzt). Zwischendurch schreibt er z. B. Geschichten, die auf Geschichtlichem gebaut sind. Mit "Streng vertraulich" über die Lächerlichkeit der Macht (und von Berlusconi) erschien 2011 eine lustige, böse Satire.

Dagegen ist "Die Münze von Akragas" ein Fliegengewicht: Vor 2500 Jahren warf ein sterbender Söldner das goldene Stück im heutigen Agrigent auf eine Wiese, 1904 fand ein Landarbeiter die Münze. Sie brachte kein Glück, und am Schluss hat sie sich König Viktor Emanuel III. unter den Nagel gerissen. Man liest das Buch während einer kurzen Fahrt mit dem Autobus und sagt beim Aussteigen jenes Wort, das nichts allzu Gutes bedeutet: "Nett."

Peter Pisa

KURIER-Wertung: *** von *****