Kultur 02.03.2013

David Bowie: Das Comeback spricht für sich

David Bowie performs at Rexall Place in Edmonton, Alta., Friday April 9, 2004. (AP Photo/Darryl Dyck) EDMONTON OUT; ONLINE OUT © Bild: AP/Darryl Dyck

Mit seiner neuen CD hat der Popgigant alle überrascht. Nun gibt er sich schweigsam. Die Kritik zu "The Next Day".

Ende 2010 telefonierte David Bowie wieder einmal mit seinem Produzenten Tony Visconti und ließ die Bombe platzen: „Wie wär’s, wenn wir ein paar Demos machen?“ „Ehrlich gesagt, ich war geschockt“, erinnert sich Visconti im Interview mit dem Rolling Stone. „Denn es kam so nebenbei. Das war nicht einmal der Grund seines Anrufs, einfach nur der nächste Punkt in unserem Gespräch!“

Wie Visconti ging es jedem rechtschaffenen Musik-Fan, als Bowie am 8. Jänner – seinem 66. Geburtstag – den neuen Song „Where Are We Now?“ veröffentlichte und ankündigte, im März das Album „The Next Day“ nachzuschieben. 2003 hatte Bowie sein letztes Album auf den Markt gebracht, sich aber 2004 nach einem Herzinfarkt komplett aus dem Musikbusiness zurückgezogen. Mit Bowies völligem Verschwinden aus der Öffentlichkeit verschwand bei den Fans die Hoffnung auf ein Comeback. Genau wie bei seinem Freund Visconti: „Da gab es all diese Gerüchte im Netz über Davids Gesundheitszustand“, erzählte der. „Aber jedes Mal, wenn ich mit ihm zum Lunch gegangen bin, sah er sehr gesund und gut aus. Allerdings sprachen wir all die Jahre nie über Musik. Die schien ihn nicht mehr zu interessieren.“

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Geheimhaltung

Bis 2010 dieser Anruf kam. Ein paar Tage später begann Visconti mit Bowie im „Magic Shop Studio“ in Soho mit den Aufnahmen zu „The Next Day“. „Wir hatten von seiner alten Tour-Band Sterling Campbell an den Drums, Gerry Leonard an der Gitarre. Ich spielte Bass und David Keyboards. In der ersten Woche dachte ich immer wieder, ich glaube nicht, dass das wirklich passiert.“ Visconti und die Musiker wurden aber auf strengste Geheimhaltung eingeschworen, mussten Bowie diese sogar vertraglich zusichern.

Und bei dieser Geheimhaltung will Bowie es auch belassen, wenn das Album kommenden Freitag auf den Markt kommt. Kein einziges Interview gibt er. Nicht einmal ein schriftliches Statement dazu, was „The Next Day“ mit seiner Zeit in Berlin zu tun hat. Denn nicht nur das Video zu „Where Are We Now?“ spielte dort. Auch das Artwork von „The Next Day“ ist mit der Bearbeitung des Covers des legendären, neben der Mauer aufgenommenen „Heroes“-Albums offensichtlich eine Hommage an die Spree-Metropole .

Dieses Schweigen ist ein genialer – und Bowie-typischer – Promotion-Coup: In einer Zeit, in der sich im Sekunden-Takt Informations-Schnipsel ins Gehirn drängen, ist null Information das Herausragende – der Entzug, der dem Comeback-Album die Aufmerksamkeit sichert, die es verdient.

Rolling Stone-Interview mit Tony Visconti

The Next Day

Eigentlich müsste es bei einem neuen Bowie-Album nichts weniger geben als eine Hör- oder Schau- oder sonstige Revolution. Mindestens. Derartiges ist auf „The Next Day“ aber nicht zu finden, und das ist auch gut so. Bowie hat ein völlig unaufgeregtes Bowie-Album herausgebracht. Und das ist schon wieder so etwas wie ein Pop-politisches Statement in einem von Eigenartigkeiten ( Lady Gaga! Bruno Mars! Justin Bieber!) geprägten Business: Wenn die Kinder einen nachäffen, reagiert der souveräne Elternteil am besten mit besonnenem Großmut. So auch Bowie.

Cover David Bowie Album 2013…
Cover David Bowie Album 2013 © Bild: packshot factory
Der hat schließlich, als Übervater aller bunten Pop-Vögel, schon alles erdenkliche Lustige und Komische gemacht. Und kann daher nach zehn Jahren mal einfach nahtlos ans eigene Œuvre anknüpfen. Woran auch sonst? Alles andere wäre unter der Würde.

„The Next Day“ also bringt wichtige Songs („Dirty Boys“, „Where Are We Now“) und weniger wichtige Songs („Dancing Out In Space“), bietet griffige Melodien und Bowie’sche Selbstzitate zum Mitraten, weit zurück bis in die Glam-Zeit. Und einen unaufgeregten Neuerungswillen.

Das ist auf ganz wunderbare Art gelassen, ohne glatt (oder fad) zu sein. Einzelnes wird sogar überraschend energetisch bis wüst, und auch hin und wieder ziemlich eigentümlich.

Zum Finale schließlich gibt es mit „Heat“ ein melancholisch-bedrohliches Altmeisterstück, bei dem man sogar nicht einmal dann böse sein könnte, wenn es der letzte Bowie-Studiosong bleiben sollte.

KURIER-Wertung: ***** von *****

Erstellt am 02.03.2013