Das Schauspiel in Salzburg lebt

"Faust" als toller Versuch: Sebastian Rudolph, Philipp Hochmair
Foto: APA/BARBARA GINDL

Thomas Oberenders letzte Saison bei den Salzburger Festspielen war großartig - die Latte für Sven-Eric Bechtolf liegt hoch.

Es ist einigermaßen absurd: Da schaffen die Salzburger die künstlerisch wie kommerziell stärkste Saison seit Ewigkeiten - und das dafür verantwortliche Team muss abtreten. Mit Interims-Intendant Markus Hinterhäuser geht auch Schauspielchef Thomas Oberender. Sein Nachfolger ist der große Schauspieler und Regisseur Sven-Eric Bechtolf. Oberender - dem oft ein Hang zu blutarmem Dramaturgen-Theater nachgesagt wurde - verabschiedete sich mit einer ungemein vitalen Spielzeit. Jede Premiere war auf ihre Weise hochwertig und ein Schlager.

Bereits der Auftakt mit dem unvermeidlichen "Jedermann" verlief unerwartet aufregend. Regisseur Christian Stückl hat mit seiner erneuten Überarbeitung des Belehrungs-Schinkens die vermutlich größtmögliche Entfernung von Max Reinhardt erreicht - und gerade dadurch den muffigen Stoff zum Leben erweckt. Das liegt auch an Nicholas Ofczarek, der den Jedermann als Jedermenschen spielt, als Menschen aus Fleisch und Blut, nicht als Metapher.
Ebenso aufregend war der Versuch, Goethes Vers-Gebirge "Faust I + II" in einem neunstündigen Gewaltakt zu erklimmen. Natürlich konnte der Versuch nur scheitern. Aber dem Regisseur Nicolas Stemann und seinem tollen Team bei diesem großartigen Scheitern zuzuschauen, das war spannend und die Verhärtungen im Sitzfleisch wert. Stemann erzählte weniger "Faust", als die Geschichte von Theaterwahnsinnigen, die "Faust" aufführen wollen, aber das machte fast gar nichts.

Die Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs "Die vier Himmelsrichtungen" war dann eine hauchzarte Enttäuschung (was am Text lag), aber eine Enttäuschung auf hohem Niveau. Im Übrigen ist genau das Aufgabe von Festspielen: Neue Stücke von relevanten Gegenwartsdramatikern erstmals auf die Bühne zu bekommen.

Handke

Und das bringt uns zu Peter Handkes dramatische Familienaufstellung "Immer noch Sturm": Oberender hat wie ein Wilder um diese andernorts nicht zu Stande gekommene Uraufführung gekämpft. Auch wenn die Inszenierung von Dimiter Gotscheff ihre Längen hatte: Die Aufarbeitung des Widerstands der Kärtner Slowenen gegen die Nazis ist ein wichtiges Stück, historisch wie künstlerisch.

Mit einer unerwartet ernsten Inszenierung von Shakespeares "Maß für Maß" durch Thomas Ostermeier ging die Saison - auch Dank einem entfesselten Gert Voss - auf höchstem Niveau zu Ende.

Die Latte liegt hoch für Sven-Eric Bechtolf. Er würde es nicht anders haben wollen.

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(KURIER) Erstellt am
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