© Tim Cavadini

Kultur
07/02/2021

Das Pop-Duo Oehl ist überzeugt: „Geld ist der ewige Gott“

Die Musiker üben mit ihrer neuen EP „100% Hoffnung“ Kritik am Kapitalismus und der Arbeitswelt

Es war El Hotzo, jener Social-Media-Star, der in der Lockdown-Zeit permanent komödiantische, zynische Kommentare zum Kapitalismus und anderen politischen Themen postete. Es waren aber auch die Angst vor der Wirtschaftskrise und die auf den Kopf gestellte Arbeitswelt während der Pandemie, die Ariel Oehl, Sänger der Band Oehl, und seinen Freund, den isländischen Multiinstrumentalisten Hjörtur Hjörleifsson, dazu bewegt haben, für ihr nächstes Album einige Songs zum Thema Wirtschaft und Arbeitswelt zu schreiben.

Heute erscheinen die gesondert auf der EP „100% Hoffnung“. Der Grund: Sie unterscheiden sich vom bisherigen Stil der beiden. „Früher kam meine Inspiration von der Lyrik von Rilke oder Goethe, und ich habe meine Themen poetisch verpackt“, erzählt Ohel im KURIER-Interview. „Aber jetzt ist nicht die Zeit für blumige Worte, bei dem Thema gibt es nichts zu beschönigen.“

Musikalisch unterlegen Oehl ihren melancholischen Dream-Pop bei „100% Hoffnung“ mit elektronischen, vom Bass getriebenen Beats, die einerseits das Hamsterrad der Arbeitswelt abbilden, andererseits als Gegenpol zu den traurigen Texten tanzbar gehalten sind.

Einer der berührendsten Songs der EP ist „300.000“, in dem Oehl das Schicksal einer Familie beschreiben, die bei der Pleite der Commerzialbank Mattersburg 300.000 Euro verloren hat. „Wir haben natürlich ihren Namen geändert“, erklärt Ariel Oehl. „Aber das Tragische ist: Das war nicht ihr Geld. Die hatten sich das von Freunden und als Kredit ausgeborgt, um ein Haus zu bauen, und in Mattersburg auf einem Konto zwischengelagert, bis sie den Bauherren bezahlen mussten. Die stehen jetzt auf einem leeren Grundstück und schulden Leuten viel Geld, das sie nie ausgeben konnten.“

Der Song „Keine Angst“ ist ein Brief an alle, die Angst davor haben, sich in ihrem Lebensstil der Gesellschaft zuliebe ein wenig einzuschränken – mit dem Fazit, dass sich das besser anfühlt als überbordender Konsum.

Ebenfalls auf den Konsum zielt „Amazon.de/signout“ ab. „Das ist ein zweischneidiges Schwert. Denn natürlich kann ich jeden verstehen, der dort kauft, weil es viel einfacher ist, als von Shop zu Shop zu laufen, und man auch wirklich alles schnell bekommt.“

Deutlich macht Oehl, wie sehr Geld unser Leben bestimmt, in dem Song „Arbeit II“ mit der Textzeile „So wahr dir Geld helfe.“ Sieht er Geld als den neuen Gott? „Geld ist der ewige Gott“, sagt Oehl. „Die Entscheidungsfreiheit, Zugang zu Bildung, gesunder Ernährung und zum Wohnen – das ist alles mit Geld verbunden. Auf der anderen Seite wirkt das Kaufen wie Religion und macht glücklich. Es ist bewiesen, dass Endorphine ausgeschüttet werden, wenn der Bote ein Päckchen bringt.“

Grönemeyer-Protegés

Oehl sagt das, weil er sich viel mit Religion beschäftigt, schon seine Maturarbeit über Weltreligionen geschrieben hat. Er selbst glaubt aber an nichts. Außer vielleicht an die Wünsche ans Universum. Denn da gab es etwas Bemerkenswertes ganz am Beginn der Oehl-Karriere.

„Wir hatten noch keinen Vertrag, es war nur ein informatives Vorgespräch. Dabei wurden wir gefragt, mit welchem Act wir als Vorgruppe auf Tour gehen wollen. Wir großspurig: ,Hebert Grönemeyer wäre lustig!‘ Es war mehr ein Scherz. Aber ein paar Monate später rief jemand von seinem Label an und wollte uns unter Vertrag nehmen – ohne, dass wir danach je in diese Richtung aktiv geworden wären. Darauf wir: ,Ja, wir kommen auf das Label, wollen aber auch mit Grönemeyer auf Tour gehen!‘ Dann haben wir das dritte Konzert unserer Karriere vor 20.000 Leuten in Erfurt in seinem Vorprogramm gespielt.“

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