© Moritz Schell

Kritik
10/24/2021

„Das perfekte Geheimnis“ in der Josefstadt: Die Wahrheit als Frage der Interpretation

Ein recht kurzweiliges Plädoyer für mehr Privatheit nach Paolo Genovese in den Kammerspielen der Josefstadt.

von Peter Jarolin

Dass Chat-Nachrichten mitunter ziemlich unangenehme Konsequenzen haben können, weiß seit Kurzem sogar ein Ex-Bundeskanzler. Denn das Handy, unser täglicher und unersetzlicher (?) Begleiter, speichert einfach viel. Noch schlimmer aber, wenn im Rahmen eines an sich gemütlichen Abends unter Freunden diverse Nachrichten eingehen, die definitiv nicht für andere Augen oder Ohren bestimmt sind.

Aber genau das ist die Ausgangssituation in Paolo Genoveses Film „Das perfekte Geheimnis“ (italienisch: „Perfetti Sconosciuti“), der nicht nur ein Kassenerfolg und Pate für weitere Filme dieser Art war, sondern inzwischen auch die Bühnen der Welt erobert hat.

Nun auch die Kammerspiele der Josefstadt, wo das perfide und dabei komische Spiel rund um Wissen, Nichtwissen oder Mitwissen in der stilsicheren Regie von Folke Braband für Chaos und Kalauer aller Art sorgt.

Denn das Warten auf die Mondfinsternis – der eigentliche Grund für diese Party – lässt sich perfekt verkürzen. Etwa durch ein kleines Spiel. Alle Handys auf einen Tisch, denn jeder soll erfahren, was der andere so treibt. Man hat ja schließlich keine Geheimnisse unter Freunden oder Ehepartnern. Oder vielleicht doch?

Es ist die Gastgeberin und Psychoanalytikerin Eva, die auf diese Idee kommt, und alle sind anfangs mehr oder minder freiwillig dabei. Das frisch verliebte Paar Bianca und Cosimo, die glücklich (?) verheiratete Carlotta und ihr Göttergatte Lele, Evas Mann Rocco und Freund Peppe, der allein gekommen ist. Nur Evas und Roccos Tochter, die junge Sofia, will nicht mitmachen, sondern die Nacht lieber mit ihrem Freund verbringen. Die Kondome sind bereits eingepackt, was für weitere Probleme sorgen wird.

Tohuwabohu

Und so kann es in Stephan Dietrichs (auch Kostüme) geschmackvollem Einheitsbühnenbild also losgehen, können die Masken fallen, werden große und auch kleine Geheimnisse öffentlich. Etwa, dass Eva sich ihre Brüste vergrößern lassen will, dass Carlotta ihre Schwiegermutter bald ins Altersheim abschieben möchte, dass Rocco trotz Bianca eine Affäre hat oder dass Peppe schwul ist. Ein vergnügliches Tohuwabohu aus Lügen, Wahrheiten und Weisheiten – Genovese stellt deutlich die Frage: Wie viel Ehrlichkeit verträgt der Mensch? – ist die logische Folge. Überraschendes Ende inklusive.

Spielfreude

In den Kammerspielen wird all das herrlich zelebriert. Da sitzen die Pointen, da stimmt dank der Regie das Timing, da haben die Darsteller merklich Freude an der Sache. So ist Larissa Fuchs die lenkende Psychoanalytikerin Eva, deren eigenes, echtes Geheimnis nur unterschwellig zutage tritt. Doch ihr Mann Rocco – Marin Niedermair gibt ihn wunderbar abgeklärt – ahnt es, verschließt aber bewusst die Augen. Als deren massiv pubertierende Tochter Sofia überzeugt Paula Nocker im Girlie-Punk-Look.

Hinreißend auch Roman Schmelzer als Lele, der sich durch einen Handytausch in des Teufels Küche bringt und damit seiner Frau Carlotta (fabelhaft aufgedreht: Katharina Straßer) einiges erklären muss. Dominic Oley als Cosimo und Michaela Klamminger als Bianca stehen ihnen um Nichts nach; eine Meisterleistung liefert Oliver Huether als Peppe ab.

Peter Jarolin

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