Autoren national - Platz 1: Thomas Glavinic Weil er mutig war und sich in „Das größere Wunder“ an die Kitschgrenze wagte. Sonst hätte er nicht so märchenhaft erzählen können, wie es sich sein Romanheld erlaubt, völlig zwecklos zu sein. Im Sinnlosen sucht Jonas den Sinn des Lebens – bis er das größere Wunder entdeckt. DIE Liebe. Kann ja sein, dass man sich von Glavinic nichts über Erfüllung sagen lassen will. Deshalb bringt der 41-Jährige auch ein Mount-Everest-Drama mit vielen eisigen Bildern aus der Todeszone.

© APA/HERBERT NEUBAUER

Literatur
08/24/2013

Der neue Roman von Thomas Glavinic ist großartig

Der neue Roman ist anders geworden. Weniger rätselhaft. Tiefer. Höher. Großartig.

von Peter Pisa

Als Jonas etwa zehn Jahre alt war und gefragt wurde, was er einmal werden möchte, antwortete er: „Ich will der werden, der ich bin ... Ich glaube, man ist schon jemand ... Man muss herausfinden, wer man ist, und der muss man dann werden, auch wenn einem das nicht gefällt.“ Dann ist man glücklich? „Das weiß ich nicht. Das kann ich nicht sagen. Vielleicht auch nicht. Aber wenn, dann nur so.“

Der Thomas Glavinic, der „Das größere Wunder“ geschrieben hat, ist mit diesem Roman ein anderer geworden. Das Rätselhafte wird nicht mehr so betont. Erlaubt man es, dann gehen Türen auf, man sieht Verlorengegangenes, Zerstörtes, und Gefühle brechen hervor – in einer Heftigkeit, die man als Leser selten erlebt. Will man sich nicht darauf einlassen (und auch zur eigenen Sicherheit die Liebe ausklammern), ist es sogar möglich, das Buch als Mount-Everest-Drama misszuverstehen. Alles erlaubt.

Mönchszellen

Thomas Glavinic ist in Richtung des niederländischen Nobelpreis-Kandidaten Cees Nooteboom unterwegs. Einerseits, weil er versucht, vom Unaussprechlichen zu erzählen, hypnotisch und melancholisch. Andererseits hat Nooteboom in einem KURIER-Interview gesagt: „Hotelzimmer sind die Mönchszellen aller Reisenden.“

Glavinic’ Held Jonas – vielleicht aus früheren Romanen bekannt, ’s ist aber völlig egal – reist viel. Um herauszufinden, wer er ist. Um bei sich selbst zu sein. Um die Welt zu verstehen. Jonas lernt: Leben darf nicht von Angst beherrscht werden. Die Angst ist ein Monster. Jonas lernt: Geld oder Gewalt – nur so bringt man die Menschen dazu, sich anständig zu benehmen.

Er erlaubt es sich, zwecklos zu sein. Nicht effizient. Geld hat er genug: Sein Adoptivvater – wahrscheinlich ein Mafioso – vererbte ihm Unsummen. Jonas kann sich eine Insel kaufen. Ein zweistöckiges Baumhaus. Vor allem bekam er, neben bester Erziehung, auf den Weg mit: Freiheit ist das höchste Gut.

Jonas nützt seine Freiheit. Im Sinnlosen sucht er den Sinn des Lebens. Da gehört schon auch dazu, einmal einen ganzen Liter Olivenöl zu trinken.

Oder im Rollstuhl eine Bergstraße hinunterzurasen. Und nach Buenos Aires zu fliegen, bloß um das Flughafenklo zu besichtigen ... bis er „das größere Wunder entdeckt“: nicht eine Liebe, sondern DIE.

Jonas lernt: Erfülltes Leben geht nur, wenn man sich einer Sache widmet, die größer ist als man selber.

Nicht denken

Und der Mount Everest? Fast die Hälfte des Romans spielt in der Todeszone. Der in Wien lebende Grazer Thomas Glavinic ist diesmal nicht nur in menschliche Tiefen gestiegen. Auch zwischen vereisten Leichen in 8000 m Höhe bewegt er sich sicher und „echt“. Sein Jonas muss den Kopf frei machen. Nur gehen, nicht denken. Und, wenn er’s schafft, Locken seines toten Bruders auf den Gipfel legen. Es ist ein zärtliches Buch. Auch das noch. Es ist Thomas Glavinic’ bisher bestes.

Info: Thomas Glavinic: „Das größere Wunder“. Hanser Verlag. 522 Seiten. 23,60 Euro.
KURIER-Wertung: ***** von *****
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