Fall für die Gerichtsmedizin: Das Geheimnis in Schuberts Haarlocken
Mehr als 10.000 Todesfallanalysen hat Gerichtsmediziner Christian Reiter bereits verantwortet. Eine der prominentesten ist jene des mit 31 Jahren verstorbenen, großen Romantikers Franz Schubert. Im Schubertschloss Atzenbrugg (NÖ) präsentiert Reiter heute eine „biografische Spurensuche“ mit Liedern, die Schubertiaden-Intendantin Ildikó Raimondi zum Besten gibt („Nacht und Träume“ oder „Der Lindenbaum“). Reiter – auch bekannt aus dem Podcast „Klenk + Reiter“ – erzählte dem KURIER, welche Geheimnisse über dieses „Musikerschicksal im Biedermeier“ noch zu lüften waren.
Reiter mit Ildikó Raimondi beim „Salon Ildikó“ zur Saisonpräsentation der Schubertiaden Atzenbrugg.
Zur Beschäftigung mit Komponisten sei er „durch Zufall“ gekommen. Im Jahr 2000 wurde eine Locke Beethovens bei Sotheby’s versteigert. Reiter wurde vom neuen Besitzer, einem Urologen aus Arizona, gebeten, diese zu analysieren. Er führte die festgestellte hohe Bleikonzentration darauf zurück, dass der Vieltrinker und Rheinländer Beethoven lieblichen Wein bevorzugt habe. „Damals gab es die Unsitte, Wein mit Bleizucker zu süßen“, sagt Reiter.
Immer wieder Haare
Vor rund vier Jahren kam dann Helen Dearing, damals künstlerische Leiterin in Atzenbrugg, auf Reiter zu – mit dem Vorschlag, zwei Locken Schuberts zu prüfen. Eine stammt aus dem Besitz eines Nachkommen Schuberts und wurde am Totenbett entnommen, die zweite ist bei einer Exhumierung abgezupft worden und gehört der Wienbibliothek .
Diese Haare von Franz Schubert (1797 – 1828) sind in Schloss Atzenbrugg ausgestellt. Lizensiert unter CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Haare können – entsprechend konserviert – Jahrhunderte überdauern und sind so etwas wie das Gold für derlei Forschung. Reiter erklärt, warum: „Die Haare nehmen das, was sie in dem Moment im Blut vorfinden, auf, um zu wachsen. Da Haare ungefähr einen Zentimeter im Monat wachsen, hat man ein Zeitlineal. Man kann in den jeweiligen Haarabschnitten die Substanzen nachweisen, die jemand zum jeweiligen Zeitpunkt im Blut hatte.“
Rolls Royce
An der Uni für Bodenkultur wurden die Haare mit dem „Rolls Royce, was Schwermetallanalysen betrifft“, so Reiter, der Laser-Ablations-Massenspektrometrie, untersucht. Dabei wird ein Haarabschnitt per Laser verdampft und analysiert. „Dadurch konnte ich nachweisen“, so Reiter, „dass sowohl die Quecksilber- als auch die Bleikonzentration erheblich erhöht war. Das zeigt, dass Schubert ein paar Jahre vor seinem Tod offenbar eine Behandlung einer Geschlechtskrankheit hatte. Es ist anzunehmen, dass es – wie schon lange vermutet wurde – die Syphilis war, weil auch die Symptome so aus den Briefen seiner Freunde zu entnehmen sind.“
Im Spätherbst 1822 dürfte sich Schubert angesteckt haben. Es ist die Zeit des Biedermeier, die 1815 begonnen hatte. Diese Epoche bekomme immer „so ein schönes Mascherl“, sagt Reiter, „vor allem durch die Malerei von damals. Dabei war es eine katastrophale Zeit. Es ist den meisten Leuten dreckig gegangen, sie haben in irgendwelchen Löchern gehaust, die Sterblichkeit durch Infektionskrankheiten war enorm.“ Auch die Prostitution war weit verbreitet. „Männer durften nicht heiraten, wenn sie nicht nachweisen konnten, dass sie eine Familie ernähren konnten“, führt Reiter aus. „Und der Herr Schubert war keiner, der das erfüllt hätte.“ Prostitution sei „auch ein Produkt des Wiener Kongresses“ gewesen. „Auch die Durchseuchung mit Geschlechtskrankheiten stieg massiv an, weil die Gäste von überall hergekommen sind und die sogenannten Graben-Nymphen angesteckt haben.“
Schubert-Porträt von Leopold Kupelwieser, datiert mit 10. Juli 1821.
Warum die erhöhte Quecksilberkonzentration? – Reiter führt sie auf die damals eingesetzte „Quecksilber-Schmierkur“ zurück: „In Schweineschmalz wurde feines Quecksilber eingerührt, mit der schwarzen Salbe wurden die Leute am ganzen Körper eingeschmiert, wochenlang eingesperrt, sie mussten den Dampf einatmen. Mit dieser leichten Vergiftung wurde die Syphilis oft gebremst oder sogar geheilt. Warum, weiß man bis heute nicht.“
Tod aus dem Brunnen
Gestorben sei Schubert 1828 dann an Bauchtyphus, einer Erkrankung, die durch Salmonellen aus dem Trinkwasser entsteht. „Aber sein Bruder hat dasselbe aus dem Brunnen in der Kettenbrückengasse getrunken“, erklärt Reiter. „Nur war das Immunsystem des Franz Schubert durch die Blei- und Quecksilberbelastung stark geschwächt.“ Gestorben sei er letztlich in wenigen Tagen an einer Darminfektion, was Schilderungen Schuberts nahelegen. „Dann ist er in einen komatösen Zustand verfallen. Das griechische Wort typhos heißt Umnebelung. Er hätte das wahrscheinlich überlebt, wenn er nicht vorher die Syphilis-Therapie gehabt hätte.“
Hohe Bleiwerte nicht vom Wein
Auch die erhöhte Bleikonzentration in Schuberts Haar führt Reiter auf die Therapie zurück: „Bei eitrigem Ausfluss hat man die Harnröhre mit Bleisalzen ausgespült, weil es desinfizierend wirkt. Das Blei wurde über die wunden Schleimhäute aufgenommen und hat den Körper zusätzlich belastet.“
Schuberts Trinkvorlieben kann er als Ursache ausschließen. Mit einem Schmunzeln sagt der Gerichtsmediziner: „Anders als Beethoven trank er gern reschen Wein, er war halt einfach ein Österreicher.“
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